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26.01.2003

18:08 Uhr

Neue Studie zur New Economy

Hintergrund: Totgesagte leben länger

VonOlaf Storbeck

Und sie bewegt sich doch: Dank moderner Informationstechnologie ist die Arbeitsproduktivität in den USA im vergangenen Jahr wieder deutlich gestiegen. In Europa dagegen ist das Plus der Produktivität 2002 fast vollständig zum Stillstand gekommen. Das zeigt eine neue internationale Vergleichsstudie des Conference Boards.

DÜSSELDORF. Totgesagte leben länger: Die "New Economy" ist offenbar doch kein Fall für die Geschichtsbücher - zumindest in den USA. Neue Zahlen sprechen dafür, dass die Ende der 90-er Jahre von vielen erhoffte "neue Ära" mit dauerhaft höherem Wachstum der Arbeitsproduktivität kein Wunschdenken ist.

Eine am Freitag veröffentlichte Studie des US-Wirtschaftsforschungsinstituts Conference Board und des niederländischen Groningen Growth and Development Centres zeigt: Der Konjunktur-Einbruch seit Frühjahr 2000 hat den in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre erkennbaren Trend eines deutlich schnelleren Wachstums der Arbeitsproduktivität in den USA nur kurz unterbrochen. "Die New Economy ist alles andere als tot", sagt Bart van Ark, Professor für Ökonomie an der Universität Groningen und Co-Autor der Studie. "Der strukturelle Trend aus den neunziger Jahren bleibt trotz des konjunkturellen Abschwungs 2001 und 2002 weiter intakt." James Glassman, Volkswirt bei JP Morgan in New York, sieht das ähnlich: "Die Produktivität wächst in der US- Wirtschaft weiterhin dauerhaft schneller als in der Vergangenheit."

Die langfristige Entwicklung der Arbeitsproduktivität ist einer der wichtigsten ökonomischen Bestimmungsfaktoren für die Höhe des Lebensstandards in einem Land - steigt die Produktivität, können auch Unternehmensgewinne und Einkommen entsprechend wachsen. Das reale Pro-Kopf-Einkommen ist derzeit in den USA deutlich höher als in allen anderen Industrieländern.

Die neue Studie zeigt: 2002 legte die Produktivität pro Arbeitsstunde in den USA um 2,8 % zu, 2001 lag das Plus nur bei 0,4 %. Ab Mitte der 90-er Jahre hatte das US-Produktivitätswachstum deutlich Fahrt aufgenommen - im Schnitt lag das Plus jedes Jahr bei 2,0 % nach 1,1 % in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Dabei unterscheiden sich die Zahlen der Studie noch von den Statistiken des US-Arbeitsministeriums, bei denen die unproduktiveren Sektoren Landwirtschaft und öffentlicher Dienst ausgeklammert werden: Im "nonfarm business sector" stieg die Produktivität beispielsweise im dritten Quartal 2002 nach offiziellen Zahlen im Jahresvergleich um 5,1 %.

Für Europa und Deutschland enthält die Studie düstere Nachrichten. In der EU ist der Trend beim Produktivitätswachstum seit Jahren abwärts gerichtet. Ökonomen erklären die wachsende Lücke vor allem mit den massiven IT-Investitionen in den USA - obwohl US-Unternehmen seit Beginn des Konjunktur-Einbruchs zögerlicher sind. "Es dauert einfach eine gewisse Zeit, bis die Anwender alle Möglichkeiten der neuen Technologien ausnutzen können", erklärt Glassman.

Deutschland steht mit einem Produktivitätswachstum vom 0,9 % im vergangenen Jahr nach 1,5 % 2001 laut Studie kurzfristig etwas besser da als die EU. Die Zahlen für 2002 liegen zudem unter den amtlichen deutschen Statistiken. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Arbeitsproduktivität je Stunde 2002 um 1,3 % nach 1,0 % im Vorjahr. Grund für die Diskrepanz: Die Autoren der Studie taxieren die 2002 in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden höher als das Statistische Bundesamt.

Die Abweichungen ändern für Bart van Ark aber nichts am grundsätzlichen Bild: "Wachstumsraten von um die 1 % sind bei der Produktivität einfach sehr niedrig - sowohl im Vergleich zu den USA also auch zu dem, was Deutschland vor 1995 erreicht hat."

Auf Dauer gefährdet das den Wohlstand in Deutschland. Noch ist das Niveau der Produktivität hier etwas höher als in den USA. Gwyn Hacche, Volkswirt bei HSBC, erklärt dies aber so: "Der Dienstleistungssektor, in dem die Produktivität geringer ist, ist in den USA größer als in Deutschland." Außerdem ist der Vorsprung nur noch minimal. Ein US-Arbeitnehmer produziert pro Stunde Güter und Leistungen im Wert von 38,83 $, ein Deutscher von 39,39 $.

Nicht jeder Ökonom sieht in der Studie indes einen zwingenden Beleg für die These vom Wirken der New Economy. "Dass die Produktivität nach einer Rezession steigt, ist nichts besonderes", meint etwa Jan Hatzius von Goldman Sachs. Der Anstieg 2002 habe somit rein konjunkturelle Gründe. "Nach einem Abschwung zögern die Firmen mit Neueinstellungen - zuerst kürzen sie die Kaffeepausen."

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