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29.01.2007

14:27 Uhr

Neue Übernahmen erwartet

Konzerne aus Schwellenländern drängen auf die internationale Bühne

VonJoachim Dorffs

Verkehrte Welt am internationalen Markt: Nach den erfolgreichen Unternehmungen von Konzernen aus Schwellenländern wachsen Vertrauen und Vermögen - etablierte Firmen in den Industrieländern sind längt nicht mehr unantastbar. Und der Trend wird stärker.

DAVOS. Firmen aus Schwellenländern werden in den kommenden Jahren weit mehr Unternehmen aus Industriestaaten übernehmen als in der Vergangenheit. "Das Vertrauen ist da, die Kultur ist da - und das Kapital auch", sagte der Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, James Turley, in Davos. Angesichts der guten Erfahrungen der vergangenen Jahre, in denen einige der neuen Spieler auf dem Weltmarkt etablierte Unternehmen übernommen hatten, gebe es derzeit keinerlei Schwierigkeiten, solche Akquisitionen zu finanzieren, so Turley.

Für Ramalinga Raju, den Gründer und Chef des indischen IT-Dienstleisters Satyam, ist die Übernahme von Unternehmen auch aus Industrieländern ein zwingender Schritt zur internationalen Expansion: "Wir sind bereits in 55 Ländern aktiv, an der New Yorker Börse notiert und erzielen mehr als 90 Prozent unserer Umsätze außerhalb Indiens." Um weiter schnell wachsen zu können, seien Akquisitionen erforderlich. Gerade indische IT-Konzerne wie Satyam, aber auch Infosys, TCS oder Wipro kaufen sich derzeit massiv in Europa ein.

Bill Amelio, Chef des chinesischen Computerherstellers Lenovo, geht ebenfalls davon aus, dass die Zahl der Übernahmen steigen wird. Lenovo selbst ist 2006 durch die Übernahme der Computersparte von IBM zum weltweit drittgrößten Computerbauer aufgestiegen. Obwohl sich das Unternehmen zumindest indirekt noch mehrheitlich im Besitz des chinesischen Staates befindet, beharrt Amelio im Gespräch mit dem Handelsblatt darauf, dass der Computerhersteller ein multinationales und kein chinesisches Unternehmen mehr sei. "Wir machen 70 Prozent unserer Umsätze außerhalb Chinas, unser Vorstand besteht neben vier Chinesen aus sieben Amerikanern und einem Briten, und der Staat nimmt keinerlei Einfluss", sagte der Amerikaner. Um die internationale Kultur zu fördern, setzt Lenovo nach seinen Angaben bewusst keine Chinesen an die Spitze der übernommenen Unternehmen, sondern belässt die Firmen in der Obhut lokaler Manager.

Amelio räumt freilich ein, dass es noch größere politische und kulturelle Hindernisse gibt, die Konzerne aus Schwellenländern an der Expansion hindern: "Die Industrieländer sind vielfach noch nicht so weit." Amelio verweist etwa auf die an politischen Widerständen gescheiterten Übernahmen von US-Häfen durch die DP World aus Dubai oder des US-Ölkonzerns Unocal durch die staatliche chinesische Gesellschaft CNOOC. Auch bei der Übernahme des europäischen Stahlherstellers Arcelor musste der ursprünglich aus Indien stammende Stahlmagnat Lakshmi Mittal große politische Widerstände überwinden.

Lenovo arbeitet den Widerständen mit dem Aufbau einer globalen Marke entgegen. So hat der Konzern etwa den Fußballer Ronaldinho als Werbefigur verpflichtet. Zudem sponsert er den Football-Club der Washington Redskins. Auch der jordanische Unternehmer Mazen Darwaseh kämpft um die internationale Akzeptanz seines Unternehmens. Er hat den Hauptsitz von Hikma Pharmaceuticals nach einer Notierung an der Londoner Börse gleich in die britische Hauptstadt verlegt, weil er in den Industrieländern nach wie vor Widerstände gegen Firmen aus Schwellenländern spüre. In Deutschland hat Hikma vergangene Woche durch die Übernahme von Ribosepharm, einer Tochter des Generikaherstellers Ratiopharm, für 35 Mill. Euro auf sich aufmerksam gemacht.

Ralph Shrader, Chef der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, ist aber skeptisch, was die Internationalität der Firmen aus Schwellenländern angeht. "Selbst Konzerne aus entwickelten Ländern, die seit Jahrzehnten auf globaler Basis agieren, haben gelegentlich Schwierigkeiten, ihre nationalen Wurzeln hinter sich zu lassen", sagte er. Konzerne mit einer einheitlichen, globalen Firmenkultur sieht er vor allem in Branchen wie Energie und Finanzdienstleistungen. Auch bei den Geschäftsmodellen der neuen Herausforderer gebe es Nachholbedarf: "Manche multiplizieren ihr lokales Geschäftsmodell. Daraus entsteht aber noch kein globales Unternehmen, sondern höchstens ein ,multilokaler? Konzern."

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