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06.07.2000

19:35 Uhr

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Neuemissionen: Blitzstarts und Blamagen

VonJOSEF HOFMANN

Fast 100 Unternehmen sind im ersten Halbjahr 2000 in Deutschland an der Börse gestartet. Viele Anleger konnten auf hohe Gewinne anstoßen, doch bei weitem nicht alle hatten Grund zum Feiern.

DÜSSELDORF. Mit Neuemissionen ist es so ähnlich wie mit Wein. Ein gutes Klima garantiert keine Spitzenerträge, macht sie aber wahrscheinlicher. Und noch eine Parallele gibt es: Trotz einiger Indizien weiß selbst der Kenner nie genau, ob sich ein längeres Einlagern wirklich lohnt. So durchwachsen wie das Börsenklima in den ersten sechs Monaten des neuen Jahrtausends war, so unterschiedlich fiel auch die Qualität der Aktien aus. Mit etwas mehr als der Hälfte der Papiere konnten Anleger Geld verdienen, der Rest war von minderer Qualität.

Während in der Aufschwungphase der Börse bis Anfang März fast jeder Neuling mit guten Kursgewinnen aufwartete, gelang es danach nur noch wenigen ausgewählten Werten, sich gegen den Negativtrend durchzusetzen. Und nicht nur das allgemeine Klima hat sich im vergangenen Halbjahr grundlegend verändert, auch die Bewertungskriterien der Anleger haben sich gewandelt. Wirkten Namenszusätze wie "net", ".de" oder ".com" bis in den März hinein noch wie ein Magnet auf Investoren, gelten sie seit dem verpatzten Start von Lycos Europe eher als Makel. Die Interneteuphorie hat einen gehörigen Dämpfer erhalten. "Qualität statt Phantasie" gibt die DG Bank, eines der führenden Emissionshäuser, seither als Devise aus. Einige der Aspiranten erfüllten diese Kriterien nicht, sie zogen ihre Börsenpläne zurück.

Trotz dieser Erfahrungen und vielen verpatzten Starts in den vergangenen Wochen wird die Liste der Emissionen bereits wieder länger. Karl Eugen Reis, Leiter der Research-Abteilung der DG Bank, ist sich sicher, dass zumindest am Neuen Markt die Vorjahreszahl von 131 Börsengängen übertroffen wird. "Zurzeit ist der Markt allerdings wieder heiß gelaufen, und es kommt einiges, was eigentlich nicht an die Börse gehört", meint der Aktienexperte.

Genau hier liegt die Schwierigkeit: Die faulen Trauben müssen aussortiert werden. Gewinne oder die baldige Aussicht auf Gewinne scheidet als alleiniges Kriterium aus. Das haben die Aktien der Biotechnologie-Gesellschaften gezeigt, die trotz hoher prognostizierter Verluste über Jahre an der Börse mit deutlichen Kursaufschlägen begrüßt wurden. Und auch bei der Branchenbetrachtung muss genau differenziert werden. Nicht alles rund ums Internet ist mit hohem Risiko behaftet, und Software ist nicht gleich Software.

So haben Anleger, die auf Biodata, den Hersteller von Software für die Sicherheit im Internet, gesetzt hatten, eine Performance-Perle erwischt. Gegenüber dem Ausgabepreis aus dem Februar ist das Papier fast das Achtfache wert, wer bei der Emission nicht zum Zuge kam und gleich am ersten Börsentag kaufte, hat immerhin noch mehr als 40 Prozent verdient. Wer dagegen den Telekom-Softwareanbieter Comtelco ins Depot legte, ist mittlerweile zwei Drittel seines Einsatzes los.

Auch wenn es sich nicht für jeden Anleger gelohnt hat, für die Unternehmen hat sich der Börsengang allemal rentiert. Fast 17 Milliarden Euro sammelten im ersten Halbjahr allein die 95 "Neuen", die in den etablierten Segmenten notiert sind, an der Börse ein. Kapitalerhöhungen und die Emission weiterer Tranchen wie bei der Deutschen Telekom sind dabei nicht eingerechnet. Mit 81 Neulingen übte der Neue Markt erneut die größte Anziehungskraft auf die Anleger aus.

Dass jedoch auch in anderen Börsensegmenten mit Neuemissionen gut Geld zu verdienen ist, haben einige Werte bewiesen. So liegt die Aktie des Chipherstellers Infineon gut drei Monate nach dem Start mehr als 135 Prozent über dem Ausgabepreis, die beiden Smax-Werte Ifco und Rational notieren 80 beziehungsweise 67 Prozent über dem Emissionspreis.



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