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22.01.2003

07:17 Uhr

Neuer Fahrplan hat sich noch nicht eingespielt

Bahn-Kunden bleiben auf der Strecke

VonEberhard Krummheuer

Mit zahlreichen Pannen und katastrophalen Verspätungen kämpft die Bahn seit dem Fahrplanwechsel. Nun droht weiteres Ungemach: Ein Teil der ICE-3-Flotte muss zurück zum Hersteller Siemens.

FRANKFURT/M. Die Deutsche Bahn kommt nach dem verspätungsreichen Start ihres völlig umgekrempelten "Jahrhundertfahrplans" nicht aus der Bredouille. Ausgerechnet ihre 300 km/h schnellen Vorzeigezüge ICE 3 für die Neubaustrecke Köln - Frankfurt bereiten erhebliche technische Probleme. Etliche Züge müssen beim Hersteller Siemens einer "Rollkur" unterzogen werden, sagte eine Bahn-Sprecherin dem Handelsblatt: "Sie sind noch nicht ausgereift." Die technischen Nachrüstungen würden sich über Monate hinziehen. Die Folge werden Fahrplan-Einschränkungen sein, da die Bahn fast ihre gesamte ICE-3-Flotte im Einsatz hat.

Probleme mit den Schnellzügen haben in den vergangenen Wochen immer wieder zu Verspätungen und Zugausfällen geführt. So streikten verschiedentlich wegen eines Software-Fehlers die Kupplungen der Züge, mit denen zwei ICE-Einheiten automatisch verbunden werden sollen. Das berichtete Manfred Wagner, Chef der Zentralen Transportleitung der Bahn. Die Folge: Immer wieder müssen Doppel-Einheiten einzeln im kurzen Abstand hintereinander fahren. Anschlüsse konnten nicht eingehalten werden, teilweise hatte die Bahn Mühe, zusätzliche Lokführer aufzutreiben. Schlechte Noten auch für die neuen S-Bahn-Züge: "Die Verfügbarkeit hat nicht das hohe Niveau, das erwartet wird", sagte die Sprecherin.

Doch nicht nur mit der Fahrzeugtechnik gibt es erhebliche Probleme. Vor allem im Ballungsgebiet Rhein-Ruhr, aber auch in Rhein- Main, steht der Nahverkehr auf Schienen immer wieder im Stau. Hier seien die Strecken durch zusätzliche Züge bis an den Rand ihrer Kapazität ausgelastet. Schon eine einzige kleine Störung reiche häufig aus, um im "Domino-Effekt" den gesamten Fahrplan durcheinander zu bringen, gab Ingulf Leuschel, oberster Fahrplaner der Bahn zu. Die Beseitigung von Flaschenhälsen im Netz dauere oft Jahre, weil das Geld knapp sei. Nach Angaben des umweltorientierten Verkehrsclub Deutschland VCD bleibt die Unpünktlichkeit die größte Schwäche der Bahn. Das Problem habe sich bereits vor der Fahrplanumstellung verschärft; im Fernverkehr seien fast ein Drittel der Züge (31,5%) zu spät am Ziel angekommen, ergab das aktuelle VCD-Bahnkunden-Barometer.

"Technische Störungen an den Bahnanlagen oder Fahrzeugen sowie externe Einflüsse wie etwa Suizide haben heute wesentlich größere negative Auswirkungen als früher", teilte die DB Regionalbahn Rheinland in seltener Offenheit einem Kunden auf seine schriftliche Beschwerde mit.

Hausgemachte Probleme sorgen für zusätzlichen Ärger. Um insbesondere die neuen, teuren Züge effizient einzusetzen, ist die Bahn dazu übergegangen, an den Endbahnhöfen die so genannte "Kurzwende" einzuführen. Das heißt: Die Züge werden bereits nach wenigen Minuten Aufenthalt am Ziel erneut auf die Reise geschickt. Dann übertragen sich auf dem Hinweg eingefahrene Verspätungen auf die weitere Fahrt.

Prominentes Beispiel: Drei mal täglich muss der ICE Dresden - Saarbrücken bereits zehn Minuten nach der Ankunft in Saarbrücken die Rückreise antreten. Wenn er auf der rund 500 Kilometer langen Strecke der Hinfahrt schon eine saftige Verspätung eingefahren hat, lässt die Bahn ihn gar nicht bis Saarbrücken fahren, sondern vorher enden - sehr zum Ärger der Fahrgäste.

Leuschel verspricht Besserung: an einer intensiven Schwachstellen-Analyse.

Quelle: Handelsblatt

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