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24.01.2003

08:45 Uhr

Neuer Zündstoff im Bündnis für Arbeit

Alarm auf dem Lehrstellenmarkt

Die schwache Konjunktur hat die Lage auf dem Lehrstellenmarkt dramatisch verschlechtert. Die Arbeitgeber fürchten, dass sich der seit drei Jahren anhaltende Abwärtstrend in diesem Jahr weiter verschärfen wird.

pt/dc BERLIN. Noch im Oktober vergangenen Jahres hatte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die Hoffnung, dass die bis dahin nicht vermittelten Lehrstellenbewerber über die Nachvermittlung der Arbeitsämter einen Ausbildungsplatz finden werden. "Die Zusage aus dem Bündnis für Arbeit steht", versicherte sie. Doch die dem Handelsblatt jetzt vorliegenden Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) und der Arbeitsämter sprechen eine andere Sprache: Nach dem ersten Quartal des neuen Ausbildungsjahres, also Ende Dezember, standen 8 900 offenen Lehrstellen 29 500 noch nicht vermittelte Bewerber gegenüber. Zwölf Monate zuvor hatten gut einem Drittel mehr offenen Lehrstellen nur 26 200 Bewerber gegenübergestanden. Die Zahl der insgesamt im Herbstquartal von Betrieben neu angebotenen Lehrstellen ging diesmal in den alten Bundesländern besonders drastisch zurück.

Und der Trend zeigt weiter nach untern. So räumten die Arbeitgeber bei der jüngsten Sitzung des BiBB-Hauptausschusses ein, dass die Zahl der betrieblichen Lehrstellen im Jahresverlauf weiter sinken werde.

Damit droht für die gerade erst verabredete Neuauflage des Bündnisses für Arbeit zusätzlicher Zündstoff. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, forderte die Bundesregierung gestern auf, die Ausbildungsnotlage zum Kern der neuen Gespräche zu machen. Dabei sollten die Arbeitgeber zu Lehrstellengarantien gezwungen werden - andernfalls würden die Gewerkschaften auf einer Ausbildungsabgabe bestehen. "Das ist Konsens in unserer Runde", sagte er nach einer DGB-Bundesvorstandsklausur in Berlin. Die Gewerkschaften führen den geringen Erfolg der bisherigen Bündnisrunden vor allem darauf zurück, dass die Arbeitgeber Zusagen nicht eingehalten hätten.

Bereits im Herbst hatte die Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Hinweise auf eine wachsende Ausbildungslücke gegeben: Die Angaben der Unternehmen deuteten darauf hin, "dass das Ausbildungsangebot im Vergleich zu 2002 abnehmen wird", so der DIHK. Als positiv wertete er, dass immerhin 79 % der befragten Firmen ihr Angebot trotz der konjunkturellen Risiken halten wollten. Allerdings planten bereits damals 14 % mit reduzierten Lehrlingszahlen, während nur 7 % ein verstärktes Engagement in Betracht zogen. Und die Konjunkturrisiken sind seither eher gewachsen.

Dabei ist die Zahl der betrieblichen Lehrstellen schon im Ausbildungsjahr 2001/2002 mit 7,1 % oder 43 000 deutlich stärker gesunken als in den beiden Vorjahren. Nur noch knapp ein Drittel der ausbildungsberechtigten Betriebe bot Lehrstellen an. Zwar ging auch die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen zurück, obwohl es insgesamt mehr Schulabgänger gab. Doch das liegt nach Ansicht von IG-Metall-Vorstandsmitglied Erwin Vitt (CDU) nur daran, dass immer mehr Jugendliche den Traum von der Ausbildung notgedrungen an den Nagel hängen.

Vitt verweist auf Daten der Bundesanstalt für Arbeit: Von zunächst 711 000 Bewerbern konnten die Arbeitsämter erstmals weniger als die Hälfte direkt in Lehrstellen vermitteln. Viele von ihnen landeten dagegen in der Warteschleife: Allein die Zahl der Teilnehmer am so genannten Berufsvorbereitungsjahr stieg um 25 %.

Etliche dieser Jugendlichen werden in diesem Jahr erneut um eine Lehrstelle anstehen. 2002 waren bereits 42,8 % der Ausbildungssuchenden solche Altbewerber - Tendenz steigend. Bei ihnen ist die Gefahr besonders groß, dass sie in Jugendarbeitslosigkeit abgleiten. Deren starker Anstieg im vergangenen Jahr - auf fast eine halbe Million - hat seine Ursache indes vor allem darin, dass immer mehr Jugendliche auch nach der Ausbildung nicht in reguläre Jobs übernommen werden.

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