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06.01.2003

07:18 Uhr

Neues Fabrikkonzept könnte Modell für Emerging-Markets werden

VW-Nutzfahrzeuge auf Erfolgskurs in Brasilien

VonAlexander Busch

Als Volkswagen 1996 in Brasilien seine LKW-Fabrik eröffnete, zweifelten viele an dem Produktionsmodell, bei dem die Zulieferer selbst montieren. Doch heute zeigt sich: Gerade wegen seines neuartigen Fabrikkonzepts baut und verkauft VW, sonst Spezialist für leichte Nutzfahrzeuge, erfolgreich schwere Lastwagen und Busse.

SÃO PAULO. In Brasilien baut Volkswagen seine Marktposition als erfolgreicher Hersteller schwerer Nutzfahrzeuge weiter aus: Trotz der Krise in Südamerika steigerte VW seine Verkäufe an Lastwagen von 7 bis 45 t Nutzlast um 8 % auf 18 500 Fahrzeuge - bei einem insgesamt schrumpfenden Markt. In drei Jahren hat VW Nutzfahrzeuge (VWN) damit seinen Absatz im sechstgrößten LKW-Markt der Welt verdoppelt. Mit seinen Trucks konnte VW sogar Marktführer Daimler-Chrysler für die Dauer einiger Monate überholen und hält heute mit einen Marktanteil von 30 % in Brasilien den zweiten Platz vor Volvo und Scania. Auch den Verkauf von Bussen hat VW um 10 % gesteigert und hält heute 27 % des Marktes.

Mit einem Umsatz von 1,5 Mrd. Real, der auf Grund der hohen Inflation in Brasilien bei einem über das Jahr gemittelten Wechselkurs etwa 630 Mill. Euro entspricht, macht der brasilianische Standort etwa ein Zehntel des weltweiten Umsatzes von VWN aus. Dennoch dürfte die brasilianische LKW-Produktion in weit höherem Maße zum Gewinn des Gesamtkonzerns beitragen. Die Kapitalrendite der Nutzfahrzeugproduktion in Brasilien liegt bei 14 bis 15%, heißt es bei VW. Die Fixkosten sind mit 12 % extrem niedrig. "Wir erreichen mit 40 % Auslastung in einer Schicht bereits die Gewinnschwelle", sagt Bernd Wiedemann, Leiter von VWN in Hannover.

Die hohe Effizienz liegt am Produktionsmodell, welches VW in der Fabrik in Resende, einem Ort zwischen Rio de Janeiro und São Paulo anwendet. Es ist eine Art Revolution im LKW-Bau: Sieben Zulieferer sind in Resende verantwortlich für sieben Abschnitte in der Produktion. Darunter sind Firmen wie Siemens-VDO, Arvin Meritor, Remon (Bridgestone-Firestone), Eisenmann/ Carese, Powertrain (MWM/Cummins). In den Bandabschnitten Chassis, Achsen, Räder, Motoren, Kabine und Lackiererei liefern die Unternehmen fertige Teile, sogenannte Module, an. Doch statt nur zu liefern, montieren die Zulieferer in Resende selbst. Die Prozessverantwortung hat Volkswagen an die Partner abgetreten, die Produktverantwortung verbleibt bei VW. Meister von Volkswagen überprüfen die Qualität der einzelnen Bandabschnitte. Die Endabnahme erfolgt ebenfalls durch VW.

Um die Zulieferer zur Zusammenarbeit und zu gemeinsamen Lösung von Problemen anzuregen, bekommt keine Firma ihr Geld, wenn die Qualitätsprüfer am Ende noch Defekte feststellen. "Höhere Qualität und geringere Kosten", versprach der damalige VW-Einkaufschef José Ignacio López de Arriortúa, der das Modularkonzept für die LKW-Fabrik in Brasilien im Vorstand durchgesetzt hatte. Doch lange blieb unklar, ob sich das Konzept in der Praxis bewähren würde. Denn bis 1999 schrieb das LKW-Werk Verluste. Zeitweise wurde sogar an Schließung gedacht.

Unterdessen sind die Zweifel zerstreut: Seit drei Jahren schreibt Resende schwarze Zahlen. Der Konzern, in Europa Spezialist für leichte Nutzfahrzeuge, zeigt in Brasilien, dass er auch erfolgreich schwere Trucks und Busse bauen und verkaufen kann. Rund 400 Mill. Euro will der Konzern deshalb in das Werk und neue Modelle in Brasilien bis 2006 investieren.

Für Markenvorstand Wiedemann ist das Fabrikkonzept in Brasilien heute sogar ein Modell, das auch für andere Standorte interessant werden könnte. Vor allem für die großen Märkte der südlichen Hemisphäre sieht Wiedemann eine Zukunft für das Modularkonzept von Resende. "Für stark schwankende Märkte bei gleichzeitig hohen Kapitalkosten ist das Konzept ideal." Voraussetzung sei, dass die Zulieferer bereits ansässig sind. "Ich bediene mich aus den Regalen der Welt", sagt Wiedemann, "das bringt mir die Synergien." Die niedrigen Fixkosten erlauben auch bei den in Emerging-Markets üblichen Absatzschwankungen noch eine profitable Produktion. Bedingung ist aber, dass der lokale Fertigungsanteil hoch ist, um immun von den schwankenden Wechselkursen zu sein. "Ich brauche in diesen Märkten keine komplizierte Elektronik, die ich teuer importieren muss." Rund 90 % der LKW- und Busteile bei Volkswagen stammen deshalb aus lokaler Fertigung.

Von Brasilien aus will Wiedemann nun den Export ausbauen. Der seit 1999 im Wert auf Drittel abgewertete Real hilft dabei: So hat VW die Exporte 2001 gesteigert, obwohl Argentinien als wichtigster Absatzmarkt völlig zusammen gebrochen war. Dort beobachtet VW nach den Auftragseingängen bereits eine Erholung und rechnet insgesamt mit einer Steigerung der Ausfuhren von 40 % auf 2 000 Fahrzeuge. Auch die Märkte in Nahost und Afrika entwickeln sich.

Dennoch hat das Modularkonzept auch Grenzen: Es eignet sich nur für kleine bis mittlere Stückzahlen. "Bei maximal 80 000 Stück ist Schluss", sagt Wiedemann. Bei größeren Stückzahlen, wie an den Standorten in den Industrieländern üblich, wäre die Finanzkraft der Zulieferer überfordert.

Quelle: Handelsblatt

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