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31.01.2003

07:59 Uhr

Nicht einmal die hohe Dividendenrendite mindert das Risiko

Bei Tui harmoniert die rasante Kurstalfahrt mit den düsteren Aussichten

VonUlf Sommer

Dem Drängen der Investoren und Analysten nachgegeben, am Ende trotzdem kritisiert und verdroschen. So müssen sich die Verantwortlichen von Tui fühlen.

DÜSSELDORF. Aus dem alten Stahl- und Bergbaukonzern Preussag formte Vorstandschef Michael Frenzel in Windeseile den europaweit größten Touristikdienstleister. Doch Anleger winken derzeit heftig ab. Täglich markiert die Aktie neue Tiefs. Seit 1999 büßte der Kurs 80 % ein. 10 Mrd. Euro wurden vernichtet. Soviel wie gestern kostete die Aktie zuletzt vor zwölf Jahren. Schlimmer noch: Besserung ist nicht in Sicht, und die Börse übertreibt mit der Talfahrt wohl kaum.

Täglich senken Investmenthäuser ihre Ertragsprognosen für den Konzern. Morgan Stanley erwartet für das laufende Jahr an Stelle von 2,50 Euro nur noch 93 Cents. Damit preschen die amerikanischen Analysten weit vor, liegen aber im Trend. Allein in der vergangenen Woche haben zehn Investmenthäuser ihre Erwartungen zum Teil drastisch zurück genommen. Nach dem Einbruch des operativen Gewinns in 2002 um rund 25 % ist auch im laufenden Jahr keine Trendwende in Sicht. Im Gegenteil: An allen Ecken und Kanten drückt es.

Da ist zunächst der drohende Irak-Krieg samt möglichen Terror- Gegenschlägen, der für große Unsicherheit sorgt und die Reiselust dämpft. Niemand weiß, ob und wie weit der Konflikt eskaliert. In so einer Situation ist es verständlich, dass der Konzern die Wünsche der Investoren nicht erfüllt und auf eine Prognose für 2003 verzichtet.

Doch wenn Tui allein diese Sorgen beschäftigen würden, könnten Anleger auf dem derzeitigen Kursniveau beruhigt einsteigen. Schließlich notiert der Wert nur zum knapp 0,4-fachen des Umsatzes. Und trotz Ertragseinbrüchen und permanenter Gewinnrevisionen wird der Konzern auch in diesem schwierigen Jahr Gewinne erwirtschaften. Davon gehen alle Experten zumindest bislang aus. Zwar sinkt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nicht, weil die Gewinnprognosen ständig revidiert werden. Doch die rasante Kurstalfahrt - allein seit Dezember verlor die Aktie gut 40 % - sorgt dafür, dass das KGV stets deutlich unter 15 bleibt. Gemessen an der Konkurrenz ist das nicht billig, aber auch keineswegs teuer.

Den Konzern drückt jedoch mehr als der drohende Krieg. Um die aktuelle Schuldenlast von 5,7 Mrd. Euro weiter zu senken, trennt sich Tui von Bereichen, die wenig mit Reisen und Fliegen gemein haben - dafür aber viel renditestärker sind. Dazu gehören die Energiesparte und die Gebäudetechnik. Die weitaus renditeärmere Reisebranche kann solch hochkarätige Abgänge nicht - oder noch nicht - auffangen. Dadurch sinkt künftig die Umsatzrendite. Ein Aufschwung muss her, heißt es bei Tui beschwörend, dann würde der vollintegrierte Reisekonzern auf seinem gedrückten Kostenniveau auch ordentliche Renditen bringen.

Doch derzeit muss Tui damit leben, dass die Touristik kein kontinuierlich wachsender Markt mehr ist, der gegenüber konjunkturellen Schwankungen immun ist. Diese Mär galt, als Frenzel 1998 Preussag umzukrempeln begann. Kaum in Tui umbenannt, brach jedoch plötzlich der zwei Jahrzehnte lange gültige Trend: Die Reiseausgaben der Deutschen im Ausland gehen zurück. Hoffnungen, dass es sich nur um einen Ausrutscher handelt, schwinden derzeit Tag für Tag mehr. Aus dem konjunkturabhängigen Stahlriesen wurde somit ein wirtschaftssensibler Reisekonzern, der 40 % seiner Umsätze ausgerechnet in Deutschland erzielt - der schwächsten wachsenden Volkswirtschaft in der EU.

Die Konkurrenz aus der rasant wachsenden Geiz-Kette rundet das Bild in Richtung "Risiko-Aktie" ab. Tui?s Konzept droht zusätzliche Gefahr, sobald sich Billigfluglinien mit Reiseveranstaltern zusammentun und einen ansprechenden Urlaub zu Mini-Preisen anbieten.

Nicht einmal die hohe Dividendenrendite sichert Tui vor weiteren Kursverlusten. Zwar kündigte der Konzern eine stabile Ausschüttung für das abgelaufene Geschäftsjahr in Höhe von 0,77 Euro an. Das ergibt eine Rendite von gut 6 %. Soviel erbringt im Deutschen Aktienindex - Ausnahme Metro - kein Unternehmen. Doch die Börse blickt weiter voraus: Vieles spricht dafür, dass 2004 für das jetzt angelaufene Geschäftsjahr nicht noch einmal 77 Cents pro Aktie gezahlt werden.

Mitarbeit: Matthias Eberle

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