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08.06.2000

21:33 Uhr

"Nichts ist schmerzhafter, als einer Börsenhausse zuzuschauen, ohne dabei zu sein."

Um jeden Preis dabei: Anleger spekulieren auf Pump

VonSABINE THEADORA RUH

Manche Anleger wollen um jeden Preis dabei sein, wenn die Aktienkurse nach oben gehen. Also kaufen sie Aktien auf Pump. Doch wenn die Kurse sinken, fällt es ihnen schwer, noch die Kurve zu kriegen.

Nichts ist schmerzhafter, als einer Börsenhausse zuzuschauen, ohne dabei zu sein." Was André Kostolany, den im vergangenen Jahr verstorbenen Börsenguru peinigte, quält auch immer öfter Aktienanleger. Verpasste Gewinne sind für manche unter ihnen schwerer hinzunehmen als eingefahrene Verluste. Und sie ärgern sich umso mehr, wenn es daran liegt, dass sie gerade nicht flüssig sind. Ist das vorhandene Kapital schon in festverzinslichen Anleihen, Inhaberschuldverschreibungen, Bundesschatzbriefen, Pfandbriefen oder Aktien investiert, kann dem Anleger geholfen werden - mit einem Lombardkredit. Anders gesagt: Er spekuliert auf Pump.

Bislang war das riskante Spiel vor allem ein in den USA verbreitetes Phänomen. Dort warnte Notenbank-Chef Alan Greenspan immer wieder vor der zunehmenden Verschuldung der US-Anleger. Ins gleiche Horn stießen in einer ungewöhnlichen Gemeinschaftsinitiative die Börsen Nyse und Nasdaq. Das Volumen der Wertpapierkredite hatte in Amerika im März dieses Jahres einen Rekord erreicht: knapp 280 Milliarden Dollar - doppelt so viel wie im Vorjahr. Dies entspricht 1,4 Prozent des Marktwertes aller börsennotierten US-Unternehmen. Es ist der höchste Wert, seit die Regeln für Effektenkredite 1974 in Kraft getreten sind. Bei der anschließenden Marktkorrektur im April sanken die Effektenkredite um fast zehn Prozent auf gut 250 Milliarden Dollar. In Deutschland gibt es keine Statistik, die festhält, in welchem Umfang Anleger Wertpapierkredite aufnehmen.

Der Aktienkauf auf Pump kann für den Aktienmarkt zum Problem werden. Je mehr Anleger in Zeiten fallender Kurse ihre Papiere verkaufen müssen, desto größer ist die Gefahr, dass aus einer normalen Kurskorrektur ein Crash wird. Einen Vorgeschmack darauf gab es Mitte April: Die durch die Banken erzwungenen Verkäufe verschuldeter Aktionäre sollen die Kursturbulenzen verursacht haben.

In Deutschland droht das allerdings noch nicht. ,,Dafür ist das Volumen der Wertpapierkredite zu gering", sagt Dietmar Schieber, Kapitalmarktexperte beim Deutschen Aktieninstitut in Frankfurt. Ob das so bleibt? ,,Ich vermute, dass es eine Tendenz zum Aktienkauf auf Kredit gibt", sagt Thomas Bieler, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Kein Wunder, ist doch bei boomender Börse mit dem Aktienkauf auf Kredit viel zu verdienen. Beispielsweise bei Neuemissionen. Gibt die Privatschatulle nicht genügend her, um mitzumischen, bietet ein Wertpapierkredit zusätzlichen Handlungsspielraum. Steigen die Kurse, kann der Kredit aus den Kursgewinnen getilgt werden.

Dass die Bank ihr Geld mit Zinsen zurück haben will, ist sicher, dass die Kurse nach oben gehen, aber nicht. "Wenn der Schuss nach hinten losgeht, kann das böse Folgen haben", warnt Bieler. Brechen die Kurse ein, sinkt also der Wert der Aktien, die als Sicherheit dienen, kann ein so genannter Margin-Call drohen: Dann fordern die Banken den Aktionär auf, in einer bestimmten Frist weiteres Geld zu hinterlegen. Das heißt: Bares nachschießen, um den Wert der Sicherheit wieder auf das alte Niveau zu bringen.

,,Der Anleger sitzt dann in der Falle", sagt Bieler. Einerseits hat er zwar Sicherheiten, aber mit schwankendem Wert. Andererseits muss er aber einen Kredit zurückzahlen, dessen Höhe ganz klar feststeht. Das kann so weit gehen, dass der Anleger seine Aktien mit Verlusten verkaufen muss, um den Kredit abzahlen zu können. Eine zusätzliche Gefahr stellen die mittelfristig steigenden Zinsen dar. Sie dämpfen tendenziell den Börsenboom und verteuern gleichzeitig den Kredit. ,,Hände weg von der Zockerei auf Pump", appelliert Verbraucherschützer Bieler an die Vernunft der Aktionäre.

Einige US-Broker sind mittlerweile dazu übergegangen, ihre Kunden vor sich selbst zu schützen. Sie blockieren immer mehr Kreditkäufe von "heißen Aktien". So hält DLJ Direct nun 319 Werte für zu riskant. Und die Liste wächst weiter. Noch vor zwei Jahren umfassten die "Cash-only"-Aktien beim Finanzdienstleister Schwab nur 25 Titel. Heute sind es einige Hundert.

Auch hier zu Lande ändert sich das Anlegerverhalten. ,,Die Zeichnungseuphorie hat zu einer stark steigenden Nachfrage nach Wertpapierkrediten geführt", sagt ein Sprecher des Discount-Brokers Comdirect. Einen generellen Trend zum Aktienkauf per Kredit sieht er aber noch nicht.

Generell ist die Auskunft der Banken uneinheitlich. Die einen sprechen von gestiegener Nachfrage nach so genannten Effekten-Lombardkrediten, wie die Kredite zum Kauf von Aktien genannt werden, andere Banken sagen, sie konnten keinen verstärkten Trend feststellen. Bei Consors sank sogar das Kreditengagement im Jahr 1999 pro Kunde im Schnitt um ein Viertel. Die Advance Bank, die ihren Schwerpunkt bei Fonds, weniger bei Einzelwerten hat, nennt einen Anstieg um sechs Prozent, die Commerzbank ein Plus von zehn Prozent. Andere Banken sehen keinen außergewöhnlichen Nachfrageanstieg nach Wertpapierkrediten.

Unisono ist die Aussage, dass Wertpapierkredite nicht beworben werden. Allerdings ist es ein Kinderspiel, einen Wertpapierkredit zu bekommen. Meist reicht ein formloser schriftlicher Antrag. Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, meint: "Es wird dem Anleger fahrlässig leicht gemacht, einen Wertpapierkredit zu bekommen."

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