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01.02.2001

19:00 Uhr

Nico Motchebon setzt auf Turn-Around-Investments und Immobilien im Regierungsviertel

Nico Motchebon: Millionär plant eine Schreinerlehre

VonMARTIN NOÉ

Auf der 800-Meter-Strecke hat Nico Motchebon in diesem Jahr seinen (Deutschen) Meister gefunden. Doch was das Spekulieren mit Aktien angeht, macht ihm so schnell keiner was vor. Vor allem mit Internet-Werten hat der Informatik-Student viel Geld verdient.

DUISBURG. Auch so leben Millionäre. Sie laufen in Schlabberhosen und ausgewaschenen T-Shirts herum. Sie fahren koreanische Kleinwagen, die kaum größer als eine Keksdose sind. Sie tragen eine Nickelbrille, die signalisiert: Hoppla, hier kommt ein Student, und zwar ein ernsthafter. Sie geben kaum mehr als 1 000 Mark im Monat für sich aus. Und sie wissen, wie man richtig Geld an der Börse verdienen kann. Von dieser Sorte Millionäre gibt s nicht viele in Deutschland und keinen, der die 800 Meter um die 1:44 Minuten laufen kann, keinen außer Nico Motchebon.

Bei der morgen beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Sevilla will er in den Endlauf am 29. August kommen. Aber selbst falls er im Vorlauf stecken bleiben sollte - finanziell ist für den 29-Jährigen eigentlich schon alles gelaufen. Wenn er sich ein bisschen bescheidet, muss er nicht mehr arbeiten gehen.

Der Mann sagt Sätze wie: "Auf einen Dax von 6000 werden wir 1999 nicht kommen, jedenfalls nicht zum Jahresende", und dabei lächelt er ganz fein, so dass jeder weiß, die eher trägen, Dax-notierten Werte interessieren einen wie ihn sowieso nicht besonders. Motchebon trumpft nicht auf, aber irgendwann nach einer halben Stunde ist klar: Hier sitzt ein Mann zum Heiraten, intelligent und mit einem Händchen für Geld. Und schlecht sieht er auch nicht aus: schlank, groß und braun. Sein Vater, ein Berliner Arzt, stammt aus Kamerun.

Seit 1993 ist der frühere Moderne Fünfkämpfer im Leichtathletik-Geschäft, hat seine Hausstrecke in Deutschland meist dominiert; international war ein vierter Platz bei der WM 95 in Göteborg sein bestes Ergebnis. Davon lässt sich leben. In guten Jahren, erzählt Motchebon, verdiene er gut eine Million Mark allein mit dem Sport.

Dafür sorgen vor allem die leistungsbezogenen Verträge mit seinem Verein LAC Quelle Fürth und dem Sportartikler Adidas sowie die Start- und Gewinngelder auf den Sportfesten. Für den ersten Platz bei einem internationalen Meeting etwa gibt es um die 15 000 Dollar. "Ich lese Wettkampfpläne wie einen Katalog", erzählt der Berliner. Die Wahl trifft er nach zwei Kriterien: "Wie passt es ins Training, was bringt es finanziell?" Gleich zwei Agenturen managen ihn und bekommen dafür etwa zehn Prozent seiner Einnahmen.

Trotzdem bleibt natürlich einiges übrig, also müssen Steuern gespart werden. Deshalb hat er, die Sonder-Afa-Ost nutzend, zwei Wohnungen im Regierungsviertel bauen lassen ("eine fantastische Möglichkeit, Steuern zu sparen"). Dazu kommt eine weitere Immobilie. Und Beteiligungen an einem Klärwerk und an Airbus hat er auch. Das klingt vernünftig, und so ist Motchebon auch. "Ein großes Problem bei der Geldanlage ist: Wenn ich verletzt ausfalle, gehen meine Einnahmen gegen null. Also muss auch das worst-case-Szenario bezahlbar bleiben."

Sehr bald jedoch hatte Motchebon 50 000 Mark übrig, "Spielgeld", wie er er es nennt. Spätestens seitdem weiß jeder, der ihn kennt, was Nico Motchebon den ganzen Tag so treibt. Entweder er läuft auf der Tartanbahn (drei bis vier Stunden Training täglich), oder er sitzt vor seinem Lap-Top, verfolgt die Kurse seiner Aktien und kauft und verkauft über einen Online-Banker.

Der Anfang war leicht. "Ich hatte das Glück, dass ich in eine Boomphase hereinkam, in der jeder gewonnen hat." Und dann erzählt er, was er mit seinem inzwischen vielfach vermehrten Spielgeld alles so macht. Turn-Around-Investment in Asien zum Beispiel, also Aktien von am Boden liegenden Unternehmen aufkaufen. "Hongkong Toys habe ich bei einem Pfennig gekauft und bei vier wieder verkauft." In einem Asien-Risikofonds ist er vor kurzem auch eingestiegen. "Das ist ganz gut gelaufen." 23 Prozent plus, lautete der Zwischenstand Anfang Juli.

Vor allem aber kümmert sich Motchebon um Aktien von Internet- und Biotechfirmen. Davon hat der Informatik- und BWL-Student einige Ahnung, oder er kennt jemanden, der weiß, wo es langgeht. Seine frühere Freundin etwa arbeitet wissenschaftlich in der Biotechnologie. Andere Bekannte haben Technologie-Unternehmen gegründet. Und natürlich hilft es, wenn man etwas früher weiß, wer bei einer speziellen Internet-Dienstleistung Marktführer werden könnte.

Motchebon hält Technologiewerte wie AOL, hat Geld in einen Fonds mit US-Technologieaktien gesteckt ("plus 44 Prozent seit März"). Aktien des Internet-Providers Excite hatte er zumindest vorübergehend, und mit einer eher kleineren Internet-Bude wie Infomatec verdiente er um die 300 Prozent. Ein Engagement am Neuen Markt ist jedoch eher die Ausnahme. "Da habe ich zu lange gewartet, und jetzt ist es zu teuer." Ach ja, vom Boom um das Potenzmittel Viagra hat er auch profitiert. Er kaufte Aktien des Herstellers Pfizer, zu neun US-Dollar das Stück. Später vervielfachte sich der Kurs.

Bei all seinen Erzählungen wirkt Motchebon immer noch ein wenig ungläubig, so als verdanke seine Erfolge dem Zufall. "Jetzt gibt es viel mehr Glücksschüsse als früher. Von der klassischen Unternehmensanalyse habe ich wenig Ahnung."

Ein paar Jahre will Motchebon noch laufen. Auch danach wird er nicht zu den Verlierern gehören. Mit den zwei Uni-Abschlüssen in Informatik und BWL, die er dann haben will, bekommt er leicht einen guten Job. Oder er macht eine eigene Internet-Firma auf. Oder er fängt etwas ganz anderes an: "Das klingt jetzt blöd. Aber wenn ich es mir finanziell leisten kann, mache ich vielleicht eine Schreinerlehre."

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