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21.01.2003

15:11 Uhr

Niedersachsen-Wahl 2003

Das Duell Dauerkandidat gegen Dampfwalze

Beide Spitzenkandidaten sind 43 Jahre alt, größtenteils ohne Vater aufgewachsen und müssen um das vorläufige Ende ihrer bereits beachtlichen Parteikarriere fürchten: Sigmar Gabriel und Christian Wulff, die Kontrahenten bei der Niedersachsen-Wahl.

rtr HANNOVER. Der Sozialdemokrat Gabriel aus Goslar ist Deutschlands jüngster Ministerpräsident mit Ambitionen auf mehr. Christdemokrat Wulff aus dem katholischen Osnabrück muss nach zwei gescheiterten Anläufen gegen den heutigen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) nun endlich siegen.

Der übergewichtige gelernte Lehrer Gabriel aus dem Harz gilt auch politisch als Schwergewicht in der SPD und wurde wiederholt als ein der Mann nach Schröder gehandelt. "Kraft, Wärme, Zukunft" lauten die Schlagwörter der Wahlkampfplakate. Mit seinem eigenständigen Kurs gegenüber der Bundes-SPD hat er sich nicht nur Freunde bei den Genossen gemacht. Mitunter rollt der medienbewusste Gabriel wie eine Dampfwalze durch die politische Landschaft. Selbst die Harmonie mit dem Bundeskanzler, der einst von Hannover aus ähnlich agierte, scheint derzeit dahin.

Rechtsanwalt Wulff hat sich wie Gabriel schon als Jugendlicher der Politik verschrieben. Trotz der Niederlagen 1994 und 1998 gegen Schröder blieb der Dauerkandidat mit dem Verliererimage an der Spitze der Niedersachsen-CDU und rückte sogar zum Bundesvize seiner Partei auf. Einst kritisierte er Helmut Kohl und galt als "Junger Wilder" der Union. Heute stützt er Parteichefin Angela Merkel. In Wahlversammlungen präsentiert sich Wulff als smarter Konservativer, wirbt für berufstätige Frauen oder Windenergie - ein Gegenbild zum CDU-Hardliner Roland Koch.

"Manchmal vielleicht etwas zu ungeduldig", umschreibt Gabriel seine größte Schwäche. Bisweilen scheint er vor Gestaltungskraft zu platzen. "Der treibt beinahe jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf", hieß es schon bald nach Regierungsantritt Ende 1999, als er den Nachfolger Schröders, Gerhard Glogowski, nach einigen Affären ablöste. Manche Mitarbeiter erfahren von Ideen ihres Chefs zuerst aus den Medien. Dies kann selbst Landesministern passieren. Die Grundzüge der Schulreform formulierte Gabriel einst eigenhändig auf seinem PC zu Hause in Goslar. Die dafür zuständige Kultusministerin erfuhr von den Ideen beim Frisör, als ein Journalist per Handy bei ihr nachfragen wollte.

Wulff, der als Redner mitunter etwas farblos wirkt, hätte gern ein klein wenig mehr von Gabriels unbefangener direkter Art im Umgang mit Menschen. Seit einigen Wochen demonstriert er eine neue Lockerheit. Auf der Wahlkampfbühne im ostfriesischen Wittmund gibt es Küsschen für eine lokale Schlagersängerin. In einer Wilhelmshavener Passage diskutiert er mit CDU-Freunden und Gegnern. Er habe sein Umfeld verändert und sich mit Menschen umgeben, die von der CDU unabhängiger seien, sagt Wulff. Dennoch gilt er parteiintern als jemand, der ebenso machtbewusst wie misstrauisch seinen Einfluss sichert. Den Rückenwind aus Berlin findet er nur gerecht. Wulff: "Zweimal hatte ich Gegenwind wegen Unmut über die Regierung Kohl und den bundespolitischen Ambitionen Schröders."

Gabriel stemmt sich in täglich mehreren Veranstaltungen gegen die drohende Niederlage. Von Schröder hat er gelernt, wie man mit klaren Worten einen Saal zum Applaus treibt. "Mehr Politik wagen", ist sein Motto. Nach einem langem Wahlkampftag wird er dann doch dünnhäutig, wenn pensionierte Journalisten im Presseclub Hannover ihm etwas über Steuerquote und Beamtenrecht vormachen wollen.

Härter wolle er seinen Kontrahenten jetzt angreifen und dessen wahres Gesicht zeigen, sagt Gabriel. "Man muss auch würdevoll verlieren können. Das müssen manche noch lernen", entgegnet Wulff mit gewisser Selbstironie. Er werde im Falle eines Sieges zwar wie Gabriel der jüngste Ministerpräsident sein, zugleich aber der mit der längsten Vorbereitungszeit.

Beide wollen ihr Privatleben möglichst weit aus der Politik heraushalten. Gabriel lebt nach erster Ehe mit seiner Freundin in Goslar. Wulff zieht sich gern nach Osnabrück zu Ehefrau und Tochter zurück. Beide Paare kennen sich von Veranstaltungen. Auf die Frage eines Reporters nach den Stärken seines Gegners antwortete Gabriel frech: "Seine Frau". Wulff lobte hingegen brav die Jovialität seines Kontrahenten.

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