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21.01.2003

15:32 Uhr

Niedersachsenwahl 2003

Niedersachsen wird von Wolfsburg aus regiert

VonOliver Stock

Ob nun Ministerpräsident Gabriel oder Oppositionschef Wulff die Wahl gewinnt - das ökonomische Herz schlägt in der VW-Zentrale.

DÜSSELDORF. Vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaft (NIW) stammt der Ausspruch: "Innovation konnte in Niedersachsen bis vor einigen Jahren nicht einmal jemand buchstabieren." Hinter dieser Formulierung verbirgt sich der Eindruck, dass das nach der Bevölkerungszahl viertgrößte Bundesland den Strukturwandel vom agrarwirtschaftlich geprägten Flächenland zur Region mit ausgeprägtem forschungsintensiven und unternehmensnahen Dienstleistungssektor lange Zeit verschlafen hat. Der Eindruck stimmte, aber er hält sich inzwischen länger, als es den Tatsachen entspricht. Noch immer ist Niedersachsen nach Bayern das Bundesland, mit der größten landwirtschaftlich genutzten Fläche. Zwar arbeiten nur 3,5 % der Beschäftigten direkt in dieser Branche, nachgelagerte Bereiche wie die Ernährungsindustrie tragen jedoch schon 16 % zu allen industriellen Umsätzen bei. Aus touristischer Sicht prägen die vielfältig landwirtschaftlich genutzten Flächen das Land und seine Attraktivität. "Die Landwirtschaft ist eindeutig einer der Aktivposten", heißt es im jüngsten Zustandsbericht des statistischen Landesamtes in Hannover. Aus politischer Sicht kann sich der CDU-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Christian Wulff, auf die ländlich geprägte Klientel verlassen.

Entsprechend hatte die letzte CDU-Regierung unter Ernst Albrecht den landwirtschaftlichen Sektor über alle Maßen gehätschelt. Erst mit der Krise der Automobilindustrie in den achtziger Jahren ging den Niedersachsen auf, wo ihre wahren Abhängigkeiten - und Stärken - liegen. VW mit seinen drei großen Werken in Wolfsburg, Hannover und Emden, mit 100 000 Beschäftigten allein innerhalb der Landesgrenzen, prägt die Region, wie es kein anderes Unternehmen in einem deutschen Flächenland vermag. 6 % macht der Anteil aus, den die VW-Beschäftigten am niedersächsischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwirtschaften. Wer die Zulieferindustrie und die rund um VW gewachsene Dienstleistungskultur hinzurechnet, kommt schnell auf einen zweistelligen BIP-Anteil, der hier geschaffen wird. Jede Landesregierung - und erst recht die vorletzte unter Automann Gerhard Schröder - achtet deswegen darauf, bei VW ein Wörtchen mitzureden. Der leidenschaftliche Einsatz des derzeitigen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel (SPD) gegen eine höhere Dienstwagensteuer und gegen Änderungen der Übernahmerichtlinie, die den Einfluss des Landes bei VW begrenzen könnten, ist Ergebnis dieser Abhängigkeit. Umgekehrt werden die Stärken des VW-Konzerns schnell zu Vorteilen für das Land. Die Innovationsfreudigkeit, die VW seit der Ägide von Ferdinand Piëch an den Tag legte, haben dem Land nach Einschätzung des NIW einen Technologieschub verpasst.

Auch die Hannoveraner wissen seither, wie "Innovation" geschrieben wird. Allerdings profitiert davon bei weitem nicht ganz Niedersachsen. Bedingt durch die Struktur des Flächenlandes mit nur zwei Großstädten von mehr als 200 000 Einwohnern konzentrieren sich die Wirtschaftsbereiche mit Wachstumspotenzial auf die Landeshauptstadt und ihr Umfeld. Während sich die Bereiche Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistungen in Hannover immerhin durchschnittlich entwickeln, hinkt ihr Ausbau landesweit immer noch hinterher. 67,7 % der Bruttowertschöpfung werden hier erwirtschaftet, bundesweit waren es im Jahr 2001 knapp 70 %. Ausländische Direktinvestitionen fließen an Niedersachsen vorbei. Nur 2,4 % des Geldes aus dem Ausland blieben im Jahr 2001 zwischen Elbe und Weser hängen. In dieser Struktur liegt auch die Hauptursache für die unbefriedigende Entwicklung bei der Arbeitslosigkeit. Die Zuwachsrate bei der Zahl der Arbeitsplätze fiel in Niedersachsen im Fünf-Jahres-Vergleich mit 4,5 % niedriger aus als in Westdeutschland (5,8 %) - ein Ergebnis, das den Herausforderer des Ministerpräsidenten bei der Wahl am 2. Februar mit guten Argumenten für einen politischen Wechsel versorgt.

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