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01.02.2007

08:39 Uhr

Nobelpreisträger Orhan Pamuk

Der Dichter und die Angst

VonGerd Höhler

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hat überraschend seine Deutschland-Reise abgesagt. Pamuk sorgt sich nach der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink durch einen Nationalisten offenbar auch hierzulande um seine Sicherheit.

Hat sich in der Türkei viele Feinde gemacht: Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Foto: dpa

Hat sich in der Türkei viele Feinde gemacht: Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Foto: dpa

ISTANBUL. Ob er Angst habe, fragten die Reporter Orhan Pamuk, als der nach einem Besuch der Buchmesse in Kairo am vergangenen Freitag auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen ankam. Sie spielten damit auf die Drohungen des Rechtsextremisten Yasin Hayal an, der das Attentat auf den armenischen Journalisten Hrant Dink geplant haben soll und bei einem Gerichtstermin rief: "Orhan Pamuk sollte aufpassen!" Doch der Autor winkte ab: "Darüber mache ich mir keine Gedanken, das beschäftigt mich nicht", sagte er und stieg ins Auto. Es scheint ihn aber doch zu beschäftigen.

Dass der Literatur-Nobelpreisträger jetzt seine ab Freitag geplante Reise in mehrere deutsche Städte absagte, zeigt: Pamuk sorgt sich um seine Sicherheit. Er fürchtet den langen Arm der türkischen Ultra-Nationalisten offenbar sogar in Deutschland. Es gebe keine konkreten Hinweise auf eine Bedrohung des Schriftstellers durch türkische Extremisten in Deutschland, zitiert der "Tagesspiegel" zwar einen hochrangigen Sicherheitsexperten in Berlin, wo Pamuk die Ehrendoktorwürde der Freien Universität entgegennehmen sollte. Aus Pamuks Umgebung heißt es aber, der Schriftsteller habe ernst zu nehmende Drohungen erhalten.

Gerade erst hatte sich das internationale Aufsehen um den gegen Pamuk angestrengten und nur aus formalen Gründen eingestellten Prozess wegen "Herabwürdigung des Türkentums" gelegt, da gerät der Schriftsteller wieder ins Fadenkreuz der Nationalisten. Seit Monaten hatte er sich zurückgezogen. Aber zur Ermordung des Armeniers Hrant Dink, der am 19. Januar von einem 17-jährigen Auftragskiller mit drei Kopfschüssen auf offener Straße in Istanbul getötet worden war, wollte Pamuk nicht schweigen. "Wir alle tragen Verantwortung für diesen Mord", sagte er, aber Schuld treffe vor allem jene, die am umstrittenen Artikel 301 gegen "Beleidigung des Türkentums" festhielten: "Dink wurde ermordet wegen seiner Gedanken, die unser Staat nicht akzeptiert."

Damit brachte Pamuk erneut die Nationalisten gegen sich auf, deren unversöhnlichen Hass er sich bereits vor zwei Jahren zugezogen hatte, als er in einem Interview davon sprach, in der Türkei seien "eine Million Armenier und 30 000 Kurden umgebracht" worden. Der Streit überschattete auch die Nobelpreisverleihung. Nach einer Umfrage der Zeitung "Milliyet" findet nur jeder fünfte Türke, dass Pamuk die Auszeichnung verdient habe. Anlässlich des Attentats auf Dink bricht jetzt die Kontroverse wieder auf. "Wir alle sind Armenier", skandierten Zehntausende bei der Beisetzung. Die Nationalisten konterten mit der Parole: "Wir alle sind Türken!" Und eine rechtsgerichtete Zeitung kommentierte: Wer keinen Stolz empfinde, Türke zu sein, solle gefälligst "zusammenpacken und abhauen". Gemeint war wohl auch der "Nestbeschmutzer" Orhan Pamuk.

Der muss sich umso unsicherer fühlen, als jetzt täglich neue haarsträubende Details über Versäumnisse der Polizei bekannt werden. So sollen die Sicherheitsbehörden seit Februar 2006 von einem V-Mann mehr als ein Dutzend konkrete Hinweise auf das Mordkomplott gegen Hrant Dink bekommen haben. Trotzdem wurde Dink nicht geschützt. Nach dem Attentat ordnete Ministerpräsident Erdogan zwar Personenschutz für viele Intellektuelle an, auch für Orhan Pamuk. An dem "Türkentum"-Paragrafen hält der Premier aber verbissen fest. Im Wahljahr 2007 will er die nationalistischen Wähler nicht verprellen.

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