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31.01.2001

08:58 Uhr

Noch Amtsinhaber Barak will Wahlkandidat Scharon über das Internet schlagen

Israel im Internet-Wahlkampf

VonMark Lavie (Associated Press)

"Nur Scharon bringt Frieden", diesen Slogan wälzt ein Panzer platt auf den Bildschirm. Am Steuer sitzt Präsidentschaftskandidat Ariel Scharon. Mit dieser Internet-Kampagne versucht Amtsinhaber Barak seine Stellung zu halten.

ap JERUSALEM. Quer über den Bildschirm fährt ein Panzer. Er wälzt das letzte Wort im Slogan "Nur Scharon bringt Frieden" nieder. Am Steuer des Panzers sitzt Ariel Scharon . Es ist eine der alles andere als subtilen Botschaften, die das Wahlkampfteam des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak übers Internet verbreitet. Mit animierten Cartoons wie diesem versuchen die Anhänger des Amtsinhabers, die noch unentschlossenen Wähler dazu zu bewegen, am kommenden Dienstag für Barak zu stimmen.

Weil Rundfunkwerbespots sowohl hinsichtlich ihres Inhalts als auch zeitlich begrenzt sind, haben die Spitzenkandidaten das Internet als Wahlkampfmedium entdeckt. Auf Scharons Web-Site findet der Surfer die Biografie des rechtsgerichteten Likud-Chefs, politische Stellungnahmen und ein Forum zum Meinungsaustausch.

Baraks Internet-Auftritt geht einen Schritt weiter. Die Besucher des Angebots werden aufgefordert, sich in einen E-Mail-Verteiler einzutragen. Wer sich anmeldet, erhält unter anderem Cartoons und Videoclips. Einer davon zielt darauf ab, die Wähler an die blutige israelische Invasion Libanons im Jahr 1982 zu erinnern - damals war Scharon Verteidigungsminister. Hinter einem Bild Scharons singen zwei Männer ein sarkastisches Soldatenlied: "Komm, kleines Flugzeug, bring uns nach Libanon, wir werden für Scharon kämpfen, und in einer Kiste aus Kiefernholz zurückkommen."

Michel Tamir, der für die Internet-Kampagne Baraks verantwortlich ist, glaubt an den Erfolg des Mediums. Wenn sich schon jemand die Mühe mache, Baraks Website zu besuchen und sich in den E-Mail-Verteiler einzutragen, dann sei er wahrscheinlich ein potenzieller Wähler. Das Ziel des Wahlkampfteams sei, ihm "die Instrumente zur Verfügung zu stellen, die er braucht, um seine Botschaft zu verbreiten", sagt Tamir. Die Datenbank der E-Mail-Adressen umfasst seinen Angaben zufolge rund 2 000 Namen. Er hoffe, dass diese Personen das Material weiter verteilen und es auf diese Weise mehrere zehntausend Wähler erreicht, erklärt Tamir.

Mobilisierung enttäuschter Anhänger

Nach Ansicht von Gadi Wolfsfeld, Universitätsprofessor und Experte für Massenkommunikation, spielt das Internet im laufenden israelischen Wahlkampf zwar keine entscheidende Rolle. Aber es könne Baraks Anhängern durchaus helfen, gegen den Trend einer schwindenden Wählerunterstützung anzukämpfen. Baraks schlechtes Abschneiden in Umfragen führen Experten nämlich in erster Linie darauf zurück, dass viele seiner früheren Anhänger vom Stocken des Friedensprozesses enttäuscht sind. Sie wollen eigenen Angaben zufolge am 6. Februar nicht zur Wahl gehen. "Der einzige Weg, die Linke dazu zu bewegen, 'nach Hause' zu kommen, ist, die Meinung des Friedenslagers zu verstärken", sagt Wolfsfeld. In dieser Hinsicht könne die Internet-Kampagne hilfreich sein.

Die Wahlkampfberater Scharons, der in Umfragen mit einem zweistelligen Vorsprung vor Barak in Führung liegt, setzen das Internet weniger offensiv ein. Der Likud-Führer begrüßt die Besucher seiner Web-Site mit den Worten "Alle von uns wollen Frieden. Wirklichen Frieden." Ebenso wie in seinen Wahlspots preist der 72-Jährige die nationale Einheit und Sicherheit. Weniger friedfertig geht es im Forum zu, wo Internet-Nutzer ihre Meinung äußern können. "Nur Ariel Scharon hat vor vielen Jahren verstanden, wie man im Nahen Osten überlebt", schreibt einer seiner Anhänger. "Nur mit Gewalt und Krieg. Also los, Arik (Scharons Spitzname), lass uns einen Krieg führen. Es ist langweilig hier."

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