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23.07.2000

15:07 Uhr

Noch höheres Defizit als 1,8 Mrd. befürchtet

Expo kann mit mehr Bundesmitteln rechnen

Expo-Aufsichtsratschef Helmut Werner gibt Fehler zu. Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung jahrelanger Misswirtschaft gefordert.

ap HANNOVER. Zur Deckung des drohenden Milliardendefizits der Expo wird der Bund vermutlich zusätzliche Mittel bereitstellen. "Wir lassen die finanzschwachen Niedersachsen nicht im Regen stehen", sagte der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hans Georg Wagner, dem Nachrichtenmagazin "Focus". Dies ist innerhalb der Berliner Koalition allerdings umstritten. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn befürchtet, dass die Verluste sogar die 1,8 Mrd. DM übersteigen könnten, für die Niedersachsen und der Bund je zur Hälfte gebürgt hatten. Expo-Aufsichtsratschef Helmut Werner räumte falsche Grundannahmen in der Planungsphase ein.

Zu der Ankündigung Wagners sagte der haushaltspolitische Sprecher der Grünen, Oswald Metzger, der "Welt am Sonntag", er sehe keinen Bedarf für eine neue Diskussion über die Lastenverteilung bei der Weltausstellung. Ähnlich äußerten sich der Vorsitzende des für die Expo zuständigen Tourismusausschusses im Bundestag, Ernst Hinsken (CSU), und der FDP-Haushaltspolitiker Günter Rexrodt. Es könne nicht angehen, dass Niedersachsen dem Bund den Schwarzen Peter zuschiebe und gleichzeitig von der Expo profitiere.

Bulmahn forderte in der "Bild am Sonntag", bei einer Übersteigung der Defizitsumme, für die gebürgt sei, sollten die anderen Bundesländer einspringen. Die Expo sei eine Veranstaltung der gesamten Bundesrepublik, betonte die niedersächsische SPD-Landesvorsitzende. Der Chef der bayerischen Staatskanzlei, Erwin Huber (CSU) lehnte ein "Notopfer Expo" dagegen kategorisch ab.

Wagner kritisierte, Expo-Chefin Birgit Breuel habe den Bundestag jahrelang mit falschen Besucherzahlen verschaukelt. Sie werde deshalb im September erneut vor den Haushaltsausschuss zitiert. Breuel hatte vergangene Woche eingeräumt, dass das Ziel von 40 Mill. Besuchern nicht mehr zu erreichen sei. Inoffiziell wird nur noch mit 25 Mill. gerechnet.

Aufsichtsratschef Werner sagte der "Welt am Sonntag", er sehe trotz der mangelnden Akzeptanz der Expo keinen Anlass für einen Rücktritt von Breuel oder der Geschäftsführung. Er gab jedoch zu, dass bei den Kapazitätsberechnungen Fehler gemacht worden seien. Wichtig sei es jetzt, mit gezielten Marketingmaßnahmen mehr Besucher aus anderen Bundesländern und dem Ausland anzulocken.

Die niedersächsischen Grünen forderten einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung des Expo-Defizits. "Wir brauchen diese Instanz, um jahrelange Misswirtschaft der Expo-Führung aufzuklären", sagte der Landtagsabgeordnete Michel Golibrzuch zu "Focus".

Weniger Bahnverbindungen nach Hannover

Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" ist der Zuschauerzuspruch offenbar noch schlechter als angenommen. Auf Initiative des niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel (SPD) hätten mehrere Unternehmen aus dem Raum Hannover größere Kartenkontingente vom Markt genommen und mit großzügigem Rabatt an Mitarbeiter weitergegeben. Allein die Expo-Sponsoren Volkswagen und Preussag hätten je 10 000 Tickets aufgekauft.

Außerdem habe die Deutsche Bahn AG ihr Zugangebot von und nach Hannover eingeschränkt. "Unsere Zusatzzüge fahren nur noch in der halben Länge", bestätigte Bahnsprecherin Claudia Ruttmann. Seit Beginn der Weltausstellung habe die Bahn 71 Zusatzzüge am Tag eingesetzt, die nur zu 20 % ausgelastet seien.



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