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09.01.2002

19:00 Uhr

Noch nie zeigte die erste Automesse des Jahres so viele Neuheiten wie in diesem Jahr

Autos der Zukunft sind Kreuzungen

VonPeter Hannemann

Unter dem Eindruck einer sich womöglich verschärfenden Absatzkrise trifft sich derzeit die Autobranche in Detroit zur ersten Automesse des Jahres, um mit frischen Modellen und treffsicheren Konzepten neuen Optimismus zu verbreiten.

HB DETROIT. Dabei kommt es in einer Zeit zurückhaltenden Autokonsums besonders darauf an, Produkte zu offerieren, die die Kunden wieder in die Schauräume locken. Wer über die ab dem 12. Januar für den Publikumsverkehr geöffneten Detroit Motor Show schlendert, wird schnell feststellen, was die Konsumenten jenseits des großen Teiches vorrangig interessiert: mächtige Fahrzeuge, die die Eigenschaften ganz unterschiedlicher Segmente in sich vereinen. Cross-over-Vehicle nennen die Amerikaner diese Kreuzungen.

Sie sind die Stars auf der Messe am Eriesee, ihr Durchbruch als neue Gattung von Automobilen ist damit vollzogen. Die perfekte Umsetzung dieses Gedankens ist Mercedes-Benz mit dem Grand Sport Tourer (GST) gelungen. Er zeigt, wie sich die Proportionen zu einer eigenständigen Architektur gefunden haben. Der Mix aus Cheflimousine, Minivan, Kombi und Geländewagen von Mercedes rollt 2004 in den Markt.

Bereits ein Jahr vorher belebt der Pacifica der Schwestermarke Chrysler dieses neue Segment. Nicht so spektakulär gestylt und auch mit weniger sportlichen Stilelementen versehen, verfolgt das Chrysler-Angebot aber den gleichen Zweck: entspanntes Reisen in einem geräumigen Auto für alle Gelegenheiten. Allerdings lässt das Design des Pacifica in der Seitenansicht Ähnlichkeiten mit den BMW - Touring-Modellen erkennen.

Davon kann beim VW Magellan freilich keine Rede sein. Der Beitrag des Volkswagen-Konzerns zu diesem Thema trägt eine höchst eigenständige Handschrift. Nicht ganz so treffsicher wie der GST von Mercedes, aber mindestens ebenso exklusiv umreißt der Magellan die neue Fahrzeugklasse. Mit ihrer bulligen Front, dem niedrigen Dachverlauf und dem schlanken Kombiheck vermittelt die VW-Studie formal ein Stück mehr Geländewagen. Wogegen der Audi Avantissimo, dessen Bau bereits beschlossene Sache ist, mehr die Kombikarte spielt und damit die Idee der großen amerikanischen Station Wagon wieder aufnimmt. Im endgültigen Serientrimm zielt auch der Volvo XC90 in diese Richtung.

Zwei Klassen tiefer versucht sich die schwedische Nischenmarke und GM-Tochter Saab mit dem 9-3X ebenfalls an diesem Trend, während die Muttergesellschaft General Motors mit ihrer neuen Galionsfigur Bob Lutz bestrebt ist, Versäumtes der letzten Jahre im Eilschritt nachzuholen. Studien über Studien, davon die eine oder andere serienträchtig, erinnern an Lutz? Zeiten bei Chrysler, in denen er auf der NIAS mit hoch emotionalen Konzeptautos stets ein Feuerwerk abbrannte.

Zumindest ist der Chevrolet SSR (Pickup mit Limousinen-Schnauze aus den 60ern und Klappverdeck) verabschiedet - 2003 wird der Beitrag von GM zur Retrowelle verkauft. Ford wagt mit der Neuauflage des legendären GT40-Rennboliden einen weiten Blick zurück in glorreiche Zeiten. Und im Dodge Razor wollen die Chrysler-Nostalgiker eine Neuinterpretation des europäischen Sportwagens aus den 60er-Jahren verstanden wissen.

Im Gegensatz dazu spuckt der Ford Tonka ganz andere Töne. Der riesige Pickup mit Doppelkabine und Ladefläche misst über sechs Meter. Er ist die Reinkarnation amerikanischen Gigantismus auf Rädern. Ein Auto für den Cowboy von heute mit Furcht einflößendem Auftritt.

Ein weiterer Trend der Detroit Motor Show verweist auf ein zunehmendes Angebot sportlicher Coupés mit vier, teilweise gegenläufig angeschlagenen Türen. Die Buick-Studie Cielo steht ebenso dafür wie das repräsentative Konzept-Vehikel von Lincoln, das den einst für luxuriöse Sportlichkeit stehenden Namen Continental wiederbelebt. Der Mazda RX8, der sein Amerika-Debüt feiert, muss in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt werden. Obwohl sie in unterschiedlichen Klassen antreten, verbindet alle die Architektur der vier Türen, die rahmenlosen Seitenscheiben sowie der Verzicht auf den mittleren Türpfosten.

Auffällig indes die Tatsache, dass Kleinwagen in den USA nach wie vor keine Rolle spielen. Studien oder neue Serienmodelle, sieht man einmal vom gerade in Europa vorgestellten Honda Civic ab, sucht man in den Cobo-Hallen vergebens. Erschreckend geradezu, wie die klassischen Limousinen auf dem Rückzug sind. Erstmals werden mit über 50 % Marktanteil in Nordamerika mehr Minivans, Geländewagen und Pickups verkauft als Limousinen.

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