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13.01.2003

07:41 Uhr

Nordkorea

Analyse: Gefährliche Provokation

VonChristoph Rabe

Der Wahnsinn hat Methode. Diktator Kim Jong Il inszeniert die Eskalation im Konflikt um Nordkoreas Atomprogramm systematisch just zu jenem Zeitpunkt, in dem sich die USA voll auf die Vorbereitung einer Militäroperation gegen den Irak konzentrieren.

Kims Kalkül geht auf. Die USA sind dermaßen in den Feldzug gegen Saddam vertieft, dass ihnen die gefährlichen Provokationen aus Pjöngjang in ihrer ganzen Tragweite erst zu spät aufgegangen sind. Jetzt können sie nicht mehr agieren, sie müssen reagieren.

Kim reizt sein Blatt voll aus, denn zum einen muss er mit einer militärischen Strafaktion der USA nicht rechnen, weil Washington diese Option frühzeitig aus seinem Repertoire gestrichen hat. Und zum anderen lässt er noch eine Hintertür offen: Gegen entsprechende Zusagen - vor allem gegen einen Nichtangriffspakt mit den USA - ist Pjöngjang durchaus bereit, wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Nur, wie lange bleibt die Welt dann vor neuen Ausfällen Kims geschützt?

So viel ist wohl jedem klar: Das letzte stalinistische Regime der Welt steht mit dem Rücken zur Wand und betreibt sein riskantes Spiel mit den USA aus schierer Verzweiflung. Es muss wieder und wieder ein Feindbild für die darbende Bevölkerung aufbauen, um von seinem totalen Versagen abzulenken. In Nordkorea herrschen katastrophale wirtschaftliche und soziale Verhältnisse. Aber noch versteht es das Regime, die Bevölkerung mit gnadenloser Kopfwäsche und perfider Propaganda auf Linientreue zu zwingen. Doch mit Indoktrination, Hunger und Elend ist auf Dauer kein Staat zu machen. Zumal wenn die Grenzen zum Süden durchlässiger werden. Dann erkennen die Koreaner des Nordens, dass man auch unter anderen Umständen leben kann.

Kims Provokationen sind aus der nackten Not geboren. George W. Bush sollte darauf eingehen, und zwar in zweifacher Hinsicht. Wenn die USA die Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als außenpolitische Priorität betrachten, dann müssen sie jetzt ihre geopolitische Landkarte überarbeiten. Den Fall Nordkorea zu lösen scheint dringlicher, als Saddam zu stürzen, um an dessen Ölquellen zu gelangen. Nordkorea geht aber nicht nur die USA an. China, Russland und Japan sollten ein ebenso elementares Interesse haben, die Risiken, die von einer verarmten Nuklearmacht ausgehen, einzudämmen. Ein blind mit Atomwaffen um sich schlagendes Regime stellt eine Gefahr dar, die weit über die koreanische Halbinsel und weit über die Region hinausstrahlt.

Der Brennpunkt Nordkorea gehört daher auf die Agenda einer internationalen Sicherheitskonferenz. Eine Lösung des Falls wird wohl nur dann möglich sein, wenn Pjöngjang in einem ersten Schritt motiviert wird, sich wieder in die Riege jener Staaten einzureihen, die ihre Probleme nicht mit Erpressung, sondern mit politischen Mitteln lösen. Dafür ist viel diplomatisches Fingerspitzengefühl nötig. Mit Isolation und Konfrontation werden die Verhältnisse in Nordkorea jedenfalls nicht durchgreifend verändert.

Letztlich aber lässt sich die Not im Norden nur lösen, indem die Teilung Koreas überwunden wird. Vorbild für den Wandel könnte der Fall des Eisernen Vorhangs in Europa sein. Eine Aufgabe, die die konstruktive und kollektive Anstrengung der internationalen Staatengemeinschaft erfordert. Dafür sollte Bush einen Anstoß geben.

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