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14.01.2003

09:32 Uhr

Nordkorea blufft mit kriegerischer Rhetorik

Im Krieg der Worte trumpft Pjöngjang auf

VonChristoph Rabe

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il droht den Vereinigten Staaten im Atomstreit mit "heiligem Krieg" und "tausendfacher Rache". Nordkorea läuft rhetorisch Amok, hat aber tatsächlich nur ein Ziel: Es will die eigene Macht retten. Die USA stellen dennoch neue Energiehilfen in Aussicht.

DÜSSELDORF. Bill Richardson, demokratischer Gouverneur von Neu Mexiko, lässt sich vom wilden Kriegsgeschrei aus dem Fernen Osten nicht beeindrucken. "Wenn man mit Nordkoreanern verhandelt," so der ehemalige Uno-Botschafter, "gibt es immer eine öffentliche Position und eine private." Die öffentliche wird derzeit über Pjöngjangs Propagandamaschinerie in schriller Kakofonie verbreitet, die private, konziliantere, lassen Nordkoreas diplomatische Emissäre lieber hinter verschlossenen Türen erkennen.

Diesen Eindruck gewann Richardson, der im Auftrag der US-Regierung die ersten Gespräche über die Lösung der Krise führte, nachdem er mit dem stellvertretendem Uno-Botschafter Nordkoreas, Han Song Ryol, in Santa Fé gesprochen hatte. Richardson kennt die Taktik Pjöngjangs. Als einer der wenigen US-Diplomaten hat Richardson Nordkorea mehrfach bereist und lernte dabei, die rhetorischen Übertreibungen richtig einzuordnen.

Seitdem Nordkorea von US-Präsident George W. Bush in eine Schublade mit dem Irak und Iran gesteckt worden ist, wähnt der "liebe Führer" Kim Jong Il Nordkorea in seiner Existenz bedroht. Richardson weiß um dessen Nöte und erteilte Bush einen Seitenhieb: Indem er Nordkorea zur "Achse des Bösen" rechnet, habe der Präsident die Spannungen verschärft. Nordkoreas Nervosität entlädt sich inzwischen in nackter Panik. Das Regime kämpft um das Überleben eines Landes, das von einer Hungerkatastrophe in die nächste taumelt.

Pjöngjangs Machthaber mit der steifen Frisur ist bewusst, dass er Macht und System nur retten kann, wenn er die knappen Ressourcen rationaler umschichtet. Eine Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft des geächteten Staates kann Kim aber nur gelingen, wenn Pjöngjang sich nicht länger existenziell bedroht fühlt, und er die auf eine Million Soldaten geschätzte Armee drastisch abbauen kann. Kims Soldaten sollen in Fabriken abkommandiert werden, um Nordkoreas Wirtschaft zu stabilisieren. Daher liegt Kim so viel an Sicherheitsgarantien der USA, daher fürchtet er neue Sanktionen.

Nordkoreas Taktik bleibt nicht ohne Wirkung. US-Unterstaatssekretär James Kelly unterstrich am Montag nach Vorgesprächen in Südkorea die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, Nordkorea gegebenenfalls im Energiesektor zu unterstützen. Der nordkoreanische Botschafter in Moskau signalisierte im Gegenzug Pjöngjangs Bereitschaft, dem Atomwaffensperrvertrag wieder beizutreten, wenn die USA aufhören, die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO als "Helfershelfer" zu missbrauchen.

Im Fall Nordkoreas scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Mit der gleichen Rhetorik, die das Regime heute anwendet, hatte es bereits 1994 Erfolg. Damals hatte Pjöngjang mit Kriegsdrohungen, durchtriebener Propaganda und Signalen des Wohlverhaltens die USA an den Verhandlungstisch gelockt und schließlich für das Einfrieren seines Atomwaffenprogramms Öllieferungen und den Bau von zwei Leichtwasserreaktoren herausgehandelt. Auch heute geht es den Nordkoreanern um einen Weg aus der Versorgungslücke. Seit dem vergangenen Sommer sendet Kim Jong Il vorsichtige Signale für eine Öffnung des Landes aus. Pläne für eine Sonderwirtschaftszone an der Grenze zu China lassen erkennen, dass nun auch Nordkorea den wirtschaftlichen Anschluss sucht.

Diese Pläne zu unterstützen liegt ganz im Interesse Südkoreas. Sollte es jemals zu Verhandlungen über eine Wiedervereinigung kommen, dann nur unter der Voraussetzung, dass der Norden kein totaler Sanierungsfall ist. Daher will der neue südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun mit einer Investitionsoffensive dem verarmten, feindlichen Bruder unter die Arme greifen, sofern dieser Seoul nicht "in ein Flammenmeer verwandelt". Noch nimmt sich Nordkoreas Verhandlungstaktik bizarr, ja sogar gefährlich aus. Aber Kenner der Verhältnisse im Land wissen, dass die realen Gefahren, die von Pjöngjang ausgehen, weitaus geringer einzuschätzen sind, als das Regime Kims der Welt glauben machen will.

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