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14.01.2003

06:00 Uhr

Nordkorea lebt in einer Art Trance der sozialistischen Orthodoxie und Transzendenz

Rupert Neudeck berichtet aus Nordkorea: Die letzte Schlacht des kalten Krieges

VonRupert Neudeck

Dem Regime ist die totale Abschottung der Menschen gelungen: Die 22 Millionen Nordkoreaner wissen nicht dass es ihnen auf der Welt im Durchschnitt schlecht geht.

Das erste Erlebnis vor fünf Jahren ist auch eines der letzten gewesen. In Haeju 1997 erlebte ich im Krankenhaus Nummer eins, wo es zur Winterszeit eiskalt war - bei Temperaturen von minus 15 Grad: Ein gräßlicher Schrei, ein kreatürlicher. Man wollte mich hindern, dem Schrei nachzufolgen. Aber ich konnte nicht mehr gestoppt werden: da lag eine Frau, an der eine Sectio ohne Narkose gemacht wurde.

Das gleiche Bild fünf Jahre später im August 2002, in einem Krankenhaus in Nampo - einer der größten Städte des Landes. Es wird mit der Kneifzange operiert, ohne Narkose, man hat weder chirurgisches Besteck noch Anästhetika, wenn das Krankenhaus nicht zu den wenigen gehört, die man für Humanitäre Hilfe ausgewählt hat. In den Krankenhäusern kann man nicht gesund werden, im Winter kann man erfrieren, weil es keine Heizmaterialien gibt und auch keine Nahrung.

Als ich September 2002 das letzte Mal über Land bis in die äußerste Provinz im Nordosten fuhr, wurde mir der erbärmliche Zustand der Landwirtschaft in dem Nuklear- und Raketenland deutlich. Man hat Traktoren, aber die können nicht angeschmissen werden, weil man keinen Diesel hat. Alle Arbeiten auf den Feldern bis zur Ernte, alle Viehwirtschaft wird ausschließlich mit der Hand gemacht. Alle Energie geht in die Waffentechnologie und Waffenfabriken. Die Kader leben gut, aber auch nicht üppig. Wir waren entsetzt über den allgemeinen Ernährungszustand. Menschen, Bauern legen sich am hellichten Tage am Straßenrand hin und schlafen einfach. Ganze Bautrupps können nicht mehr weiter, legen sich hin und schlafen.

Die Kinder sind dünn. Einige der humanitären ausländischen Ärzte fürchten die Verblödung einer ganzen Kindergeneration, die nicht genug Nahrung bekommt für die Ausbildung des kindlichen Gehirns.

Es hat kleine winzige Fortschritte gegeben, aber die zu erwähnen, bedeutet schon Ablenkung von der großen Misere. Jeder Nordkoreaner darf jetzt in seiner Wohnung oder auf dem Balkon ein Huhn und ein Kaninchen halten. Er darf auch einen ganz kleinen Spalt eigenes Land beackern. Das Land hat nur noch von den Waffen und Waffentechnologie gelebt.

Und von den regelmäßigen Zahlungen des nordkoreanischen Exils in Japan. Beides aber geht zurück. Das Land lebt in einer Art Trance der sozialistischen Orthodoxie und Transzendenz. Kim il Sung wird als Unsterblicher verehrt und imitiert den Cäsaropapismus vergangener mittelalterlicher Jahrhunderte.

Man kann Nordkorea mit keinem Land des früheren Ost-Blocks vergleichen. Denn in der demokratischen Volksrepublik Koreas wurde eine Religion begründet, der nur noch eine Kosmologie fehlt. Also nur noch der Beleg, daß Kim Il Sungs Vorfahren Himmel und Erde erschaffen haben.

Die Böden sind nur zu 18 % kultivierbar. Das Land braucht in jedem Jahr etwa 700 000 Tonnen Nahrungsmittel allein als Spende des Welt-Ernährungs-Programms (WFP), manches Jahr sogar 1,2 Millionen Tonnen. Es ist bekannt, dass Nord-Korea sich nicht selbst ernähren kann. Deshalb wären wirtschaftliche Kontakte mit dem Ausland von überragender Bedeutung. Aber das Land hat sich angewöhnt, keine Marktbeziehungen mehr zu pflegen, sondern allein auf seine religiös-ideologische Einzigartigkeit zu setzen sowie die Waffentechnologie zu pflegen.

Die Absurdität der Moderne kommt in Nordkorea zu seiner höchsten Vollendung: Ein Land, das im Zustand der bittersten Armut und Subsistenz Not bis zur Erschöpfung seiner Bewohner und dem Hungersterben seiner Kinder lebt, arbeitet an der Entwicklung der Nuklear-Waffen...

Ich habe mich als Humanitärer oft gefragt: Was tun wir hier? Ist das dort nicht die Anwendung des Satzes von Max Horkheimer: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen"? Andererseits kann ich das Gesicht der Menschen nicht vergessen, die von unseren deutschen Fleischlieferungen profitiert haben. Auf Anregung von Cap Anamur gingen im letzten Jahr 36 000 Tonnen BSE getestetes Rindfleisch tiefgefroren nach Nordkorea. Diese Aktion allein hat der Bevölkerung bewiesen, wie uneigennützig die Deutschen den Nordkoreanern helfen. Auch die Nordkorea-Mediziner wissen, was sie an der deutschen Hilfe haben: Sie können jetzt in einem gut ausgerüsteten, gekachelten und warmen Operationssaal operieren. Bei solchen Erlebnissen habe ich alle Skepsis verloren.

Das Land kämpft dennoch die letzte Schlacht des Kalten Krieges - neben Kuba. Das Volk ist liebenswürdig und ungeheuer fleißig. Würde man dieses Volk los gehen und machen lassen, auch Nordkorea würde und wird ein Tiger werden (wie vor zehn Jahren Vietnam) und unserer Wirtschaft Konkurrenz-Beine machen.

Dem Regime ist die totale Abschottung der Menschen gelungen. Die 22 Millionen Nordkoreaner wissen nicht, dass es ihnen auf der Welt im Durchschnitt schlecht geht. Dass sie Entbehrungen tragen und aushalten müssen wie kaum ein anderes Volk. Aber mangels Vergleichsmöglichkeiten fällt ihnen das nicht auf. Die Mehrzahl der 22 Millionen Koreaner im Norden soll deshalb auch vor jeder Berührung mit einem Fremden abgehalten und abgeschirmt werden. Niemand darf mit uns reden. Wenn wir es von uns aus tun, gefährden wir den, den wir ansprechen. Die Gehirnwäsche scheint funktioniert zu haben. Man bekommt keinen Sender von außen, hat keine Informationen von woanders.

Quelle: Handelsblatt

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