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23.01.2003

08:55 Uhr

Nur Marktführer plagen keine Existenzsorgen

Für viele Vermögensverwalter wird es eng

VonIngo Narat

Immer mehr deutsche und europäische Vermögensverwalter werden von der Krise geschüttelt: Die Einnahmen fallen ins Bodenlose - die Kosten steigen weiter. Missmanagement und die Baisse hinterlassen Spuren.

FRANKFURT/M. Die Bordkapelle spielt noch, aber das Schiff hat schon Schlagseite: Fast die Hälfte der deutschen Fondsfirmen schreibt rote Zahlen. Bei europäischen Asset-Managern halbieren sich die Gewinnmargen ein ums andere Jahr. Unternehmensberater zeichnen ein düsteres Branchenbild: Nur die ganz Großen und einige spezialisierte Kleine werden es in die Rettungsboote schaffen. Entsprechend heißt die Parole in der Branche: "Wachsen oder gesund schrumpfen".

Unter den deutschen Publikumsfonds für private Anleger und Spezialfonds für institutionelle Investoren gelten die großen Häuser DWS/DeAM (Deutsche Bank), DIT/DBI (Allianz/Dresdner) und Deka Investment (Sparkassen) als überlebensfähig. Das ist eine gute Nachricht für die Chefs Axel-Günter Benkner, Markus Rieß und Hans-Jörg Lühmann. Doch mancher Experte rechnet schon Union Investment (Volks- und Raiffeisenbanken) zu den mittelgroßen und damit gefährdeten Adressen. Cominvest (Commerzbank) und Activest (Hypovereinsbank) werden häufiger in diese Gruppe einsortiert. Aber kein Fachmann will mit solchen Nennungen zitiert werden.

Die aktuelle Situation auf dem heimischen Parkett ist dramatisch, sagt Marc Herzog, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Prof. Homburg & Partner: "In Deutschland sind jetzt 40 Prozent der Kapitalanlagegesellschaften in den roten Zahlen oder leben von der Hand in den Mund." Er bezeichnet die Gesamtlage als "katastrophal". Herzog sieht große Defizite im Vertrieb sowie in der firmeninternen Kosten- und Prozessrechnung. "Da kann kaum einer vernünftig über Kostensenkungen nachdenken, beispielsweise über das Outsourcing der Fondsbuchhaltung, weil er gar nicht weiß, was ihn das selber kostet", urteilt Herzog. Sein bitteres Fazit: "Viele Firmen werden dicht machen oder von ihren Müttern verkauft werden, wenn sich bei niedrigem Preis ein Interessent findet."

Angestoßen wurde die Neuauflage der Debatte um die Überlebensfähigkeit der Asset-Manager von einer McKinsey-Studie. Aufmerksamkeit erregen die Unternehmensberater bereits mit einer einzigen Zahl: Im Jahr 2001 halbierten sich die Gewinnmargen der europäischen Asset-Manager auf 12 Basispunkte des verwalteten Vermögens (Tabelle). McKinsey-Partner Martin Huber sieht kein Licht am Ende des Tunnels: "Wenn die Vermögensverwalter über ihre Ergebnisse für 2002 berichten, könnten wir noch einmal Abschläge in dieser Größenordnung sehen."

Viele Experten knüpfen die Überlebensfähigkeit an die Größe des Fonds. Meist sehen sie 100 Mrd. Euro verwaltetes Vermögen als "kritische Masse" an. Ab diesem Niveau reicht die Größe für ein umfassendes und gleichzeitig effizientes Produkt- und Dienstleistungsangebot. Kleine Adressen etablieren sich als Nischenanbieter für spezielle Anlageklassen, wie beispielsweise asiatische Aktien, und offerieren ihre Expertise zu vergleichsweisen hohen Preisen. Die Mittelgroßen sitzen zwischen Baum und Borke, wie die Kostendaten von McKinsey belegen.

Das Grundproblem der Branche ist, dass die Gewinnmargen in den Keller sacken, weil die Einnahmen wegbrechen während die Kosten stetig weiter steigen. Auf der Einnahmeseite zerstört die Baisse alle Hoffnungen auf kräftige Kursgewinne. Immer mehr Anleger meiden die vergleichsweise teuren Aktienfonds und wechseln in sichere - und mit niedrigen Managementgebühren belegte - Anleihe- oder Geldmarktprodukte.

Auf der Kostenseite zahlen die Gesellschaften die Zeche für die Auswüchse der neunziger Jahre: Für die extreme Geschäftsexpansion, verbunden mit Produktinflation und hohen Ausgaben für den Vertrieb. "Die Explosion der Kosten im Marketing und Vertrieb von Publikumsfonds sind ein entscheidender Faktor", sagt Huber. Auf der Kostenseite müssten die Deutschen insgesamt mehr tun als andere. Huber stellt zu den Daten für 2001 fest: "Bei den Publikumsfonds haben die deutschen Spieler im Europa-Vergleich nicht nur die höchsten Kosten für Vertrieb und Marketing, sondern liegen auch bei den Kosten für Fondsmanagement, für Fondsbuchhaltung sowie IT über dem Durchschnitt." Die Aufwendungen für das Fondsmanagement sind der zweitwichtigste Kostentreiber in der europäischen Branche. "Die Inflation der Fondsmanagergehälter während des Booms spielt eine wichtige Rolle", ergänzt Charles Williams, Managing Director bei der Strategieberatungsfirma Hawkpoint, London.

Einige europäische Gesellschaften reißen das Ruder herum. "Leute werden entlassen; die Fonds wollen effizienter arbeiten und denken über das Outsourcing ihrer Adminstration an Spezialisten wie State Street oder Bank of New York nach", sagt Williams.

Vertreter einer Minderheit geben pointierte Antworten auf die Frage nach Überlebensstrategien. Stefan Jaecklin, Direktor bei der Strategieberatung Oliver, Wyman & Company zum Beispiel sagt: "Viele können überleben; die Größe des Asset-Managers ist nicht entscheidend, sondern die Größe und Effizienz der gemanagten Fonds." Im Zweifel sei es nur eine Frage, den optimalen Eigentümer zu finden.

Herzog von Prof. Homburg & Partner nennt Zahlen: "Zehn deutsche Kapitalanlagegesellschaften werden dicht machen oder verkauft werden; zwei Besitzer wollen ihre Läden loswerden, finden aber zum gewünschten Preis keinen Käufer; eine ausländische Adresse wird definitiv verkauft."

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