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01.01.2001

16:25 Uhr

Der "Wald ohne Wiederkehr", die "Steinige Steppe", das "Letzte Gehöft" - die phantastischen Orte, die Kirsten Boie in ihrem neuen Buch erschafft, hören sich vertraut an. Haben wir von ähnlichen Gegenden nicht schon in dem "Herrn der Ringe" gelesen, als Frodo sich mit den Gefährten auf die Reise in das furchtbare Land Mordor macht? Oder sind sie uns nicht bei der phantastischen Reise von Bastian in der "Unendlichen Geschichte" begegnet? Es kommt uns so vor. Doch bevor wir uns gemütlich im Sessel räkeln und uns auf ein neues spannendes Phantasie-Abenteuer mit den bekannten Zugaben von Gut und Böse, von Helden und Zauberern freuen, noch schnell ein Blick auf den Umschlag: Geschrieben hat das Buch Kirsten Boie. Und die ist für alles andere bekannt, aber nicht für Fantasy-Bücher.

Liebevolle Geschichten um den kleinen Juli hat sie sich für Kindergartenkinder ausgedacht, allerbeste Storys aus dem Alltag von Jugendlichen hat sie geschrieben. Und deshalb ist sie die derzeit wohl wichtigste deutschsprachige Kinderbuch-Schriftstellerin, die sogar für die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den inoffiziellen Nobelpreis für Kinder- und Jugendbücher nominiert wurde. Alles ist ihr zuzutrauen, aber ein Fantasy-Roman nicht.

Doch nach den ersten Seiten lächeln wir schon. Die zehnjährige Anna, die im "Land-auf-der-anderen-Seite" Evil den Fürchterlichen besiegen soll, ist gar keine Heldin. Sie hat gar keine unergründlichen magischen Eigenschaften wie Harry Potter, keine Phantasie-Begabungen wie Bastian. Sie ist nur ein Mädchen, das sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt die Richtige für den Job ist. Noch dazu verliert sie auch noch ihr wichtigstes Utensil: den Zauberspiegel, mit dem sie noch in die reale Welt zurückreisen könnte.

In gewisser Weise ist Boies spannende Jagd nach dem fürchterlichen Übermächtigen, der alle Geschöpfe in einen Zauberbann geschlagen hat, nichts anderes als ein "Anti-Potter". Während Harry alles hat, was man sich in einer verzauberten Welt wünscht, nämlich eigene magische Eigenschaften, Klugheit und die Hilfe treuer Freunde, ist Anna über weite Strecken auf sich alleine angewiesen. Was zählt, ist ihr Mut und sonst nichts. Boies Zauber-Saga tut gut, besonders nach zu viel Harry Potter.

Buchtipp:
Kirsten Boie: Der durch den Spiegel kommt. Oetinger, Hamburg 2001, 240 S., 25 DM

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