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09.01.2002

19:00 Uhr

Obwohl sich die Auftragsbücher der Branche wieder füllen, werden die alten Wachstumsraten nicht mehr erreicht

Analyse: Software-Anbieter haben Talsohle erreicht

VonJens Koenen

Auf eine solche Nachricht haben die Aktionäre gewartet. Jetzt - nachdem der Riese SAP seine eigene Prognose übertroffen hat - sind sich viele von ihnen sicher: Die Softwarebranche hat den Tiefpunkt der Nachfragedelle erreicht. Ab jetzt geht es wieder aufwärts.

Auf den ersten Blick scheint sich der Himmel über der gebeutelten Branche tatsächlich wieder aufzuhellen. Nach dem Schock der Terroranschläge steigt die Bereitschaft der Unternehmen, in die Informationstechnologie und insbesondere die Software zu investieren. So jedenfalls könnten neben den SAP - Zahlen auch positive Äußerungen einiger US-Wettbewerber wie Oracle oder I2 Technologies gedeutet werden.

Doch die Anleger sollten vorsichtig bleiben. Viele von ihnen nehmen es mit den Begrifflichkeiten offensichtlich nicht sehr genau. Aus dem Erreichen der Talsohle wurde schon öfters eine klare Trendwende gemacht. Die ist aber noch keineswegs in Sicht.

Die Kunden bleiben angesichts der Konjunktur bei ihren Budgets für die Informationstechnologie (IT) nämlich knausrig. Sie prüfen derzeit sehr genau ihre IT-Ausgaben. Kosten senken und schnellere sowie effizientere Abläufe stehen im Mittelpunkt. Das gilt im Übrigen auch für das Thema E-Business. Es bleibt zwar ein Wachstumsmarkt, die Auftragsvolumina werden tendenziell sogar größer. Aber gleichzeitig steigt auch die Dauer vieler E-Business-Projekte. Auf das Jahr herunter- gebrochen werden die Teilaufträge also ebenfalls kleiner.

Alles das spürt auch eine SAP. Die jetzt vorgelegten vorläufigen Zahlen des Branchenführers belegen keineswegs das Gegenteil. Sie beruhen vielmehr auf Faktoren, die nicht branchentypisch sind, die deutsche Software- Schmiede befindet sich nach wie vor in einer Sonderrolle. Der Walldorfer Konzern profitiert von der breiten Kundenbasis. Dort kann er mit neuen Produkten schneller als die Konkurrenz Lizenzgebühren einsammeln. Das belegen die hohen Lizenzeinnahmen im vierten Quartal 2001. Außerdem kann das Unternehmen offensichtlich aus seinem guten Namen Kapital schlagen. So erklärt sich, dass SAP gegen den Branchentrend größere Aufträge an Land zieht.

Gleichzeitig zahlen sich jetzt die Investitionen von SAP in die Wachstumsmärkte CRM (Kunden-Management- Systeme) und SCM (Steuerung der Zulieferkette) aus. Den Walldorfern gelingt es mit wachsendem Erfolg, den Marktführern dieser Bereiche, Siebel Systems etwa oder I2 Technologies, Kunden abzujagen. Entschieden sich die IT-Verantwortlichen lange Zeit für den Besten in der jeweiligen Nische, legen sie heute viel größeren Wert auf komplette Lösungen aus einer Hand.

Daraus Rückschlüsse auf die Verfassung der gesamten Branche zu ziehen, ist daher voreilig. Vieles spricht dafür, dass auch das laufende Jahr für die Software-Industrie schwierig verlaufen wird. Mit einer ernst zu nehmenden Besserung ist frühestens ab Herbst zu rechnen. Natürlich kommt am Ende kein Unternehmen ohne Informationstechnologie aus. Doch die stolzen Wachstumsraten früherer Jahre wird kein Software- Unternehmen wieder erreichen.

Einige Investoren ignorieren diese Erkenntnis. Sie treiben die Kurse einzelner Software-Titel schon wieder in eindrucksvolle Höhen. Die Lektion aus der geplatzten Blase scheint noch nicht überall angekommen zu sein.

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