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06.02.2002

00:00 Uhr

OECD-Studie: Gesamtniveau deutscher Bildung niedrig

Zu viele schlechte Schüler fallen durchs Netz

Das Gesamtniveau der schulischen Leistungen ist in Deutschland wegen eines überdurchschnittlichen Anteils schwacher Schüler niedriger als in den meisten westlichen Industriestaaten, auch wenn deutsche Schüler ähnlich gute Spitzenwerte wie in anderen Ländern erreichen. Dies ist das Kernergebnis der so genannten PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Dienstag in den beteiligten Ländern offiziell vorgestellt wurde.

afp BERLIN 4. Dezember 2001. Deutschland belegt darin nur Rang 21 bis 25 unter insgesamt 32 Teilnehmern. Parteien und Verbände riefen bereits die Kultus- und Bildungsminister der Länder zu schnellem Handeln auf, nachdem am Wochenende Auszüge der Studie bekannt geworden waren.

Bei der Studie geht es nicht um die Abfrage von Wissen, sondern darum, wie effektiv die Schüler erworbenes Wissen anwenden können, erläuterte der OECD-Statistikexperte und PISA-Koordinator Andreas Schleicher. An der "größten Bildungsstudie aller Zeiten" beteiligten sich nach seinen Worten mehr als 250 000 Schüler im Alter von 15 Jahren. Untersucht wurden die Bereiche Lesekompetenz, mathematische Grundbildung und naturwissenschaftliche Grundbildung.

Als eine mögliche Ursache für das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler in der Gesamtwertung nannte Schleicher die hohe Schwankungsbreite zwischen guten und schlechten Schülern, die durch das gegliederte Schulsystem in Deutschland offenbar verstärkt werde. "Qualität und Gleichheit schließen sich nicht aus", sagte Schleicher mit Blick etwa auf Spitzenreiter Finnland, wo ein relativ gleichmäßiges Niveau der Schulen ermittelt wurde. Vergleichsweise gute Werte erreicht auch Südkorea, wo sowohl die Unterschiede zwischen den Schulen als auch zwischen den Schülern innerhalb einer Schule gering ist. Wichtiger als die Gliederung nach Schularten ist dabei laut Schleicher die Durchlässigkeit zwischen schulischen Niveaus über die gesamte Schulzeit hin.

Besonders stark ausgeprägt ist in Deutschland der Pisa-Studie zufolge auch die Abhängigkeit zwischen schulischen Leistungen und sozialer Herkunft. Dabei spielt laut Schleicher das an der jeweiligen Schule dominierende soziale Umfeld eine größere Rolle als die individuelle Herkunft. Die Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien müssten also keineswegs zwangsläufig schlecht sein, es gebe aber besonders dann eine starke Tendenz dazu, wenn die meisten Schüler ihrer Schule aus einem ähnlichen sozialen Umfeld kommen. Ausländerkinder erreichen ebenfalls durchschnittlich schlechtere Werte. Schleicher führte dies aber weniger auf den Ausländeranteil zurück, der in anderen Ländern teilweise ähnlich ist, als auf die schlechte Integration vor allem der bereits in Deutschland geborenen Ausländerkinder.

Ungünstig sind die deutschen Werte auch bei den Investitionen in den Bildungsbereich, deren Höhe der Studie zufolge im internationalen Vergleich auf einem ähnlichen Niveau liegt wie die schulischen Leistungen. "Deutschland erreicht ziemlich genau das, wofür es auch bezahlt", sagte Schleicher. Allerdings zeigt Pisa auch, dass es durchaus möglich ist, mit weniger Geld ein besseres Leistungsniveau zu erreichen wie in Irland und Korea oder mit sehr viel mehr Geld als in Deutschland ein ähnliches oder schlechteres Niveau wie in den USA und Italien. Wichtiger als die absolute Summe sei möglicherweise die Verteilung des Geldes. Deutschland schneide hier besonders bei den Klassenstufen 1-10 schlecht ab, außerdem im Kitabereich, für den die Eltern Beiträge zahlen müssen. Gerade dort würden zugleich aber wichtige Weichen gestellt.

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