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05.03.2003

15:02 Uhr

Öffentliche Aufträge bleiben aus

Deutsche Dienstleister stecken in der Rezession

Die deutschen Dienstleister stecken nach sieben Monaten rückläufigen Geschäfts in der Rezession. Im Februar setzte sich die Talfahrt der Branche mit Rekordtempo fort: Der am Mittwoch veröffentlichte Reuters-Service-Index rutschte mit 43,6 nach 43,9 Zählern im Januar auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Umfrage vor fünfeinhalb Jahren.

Reuters BERLIN. Wegen des rückläufigen Neugeschäftes drohen nun im einzigen Sektor, der 2002 Arbeitsplätze geschaffen hatte, Entlassungen. Volkswirte meldeten angesichts der Daten Zweifel an, ob der von vielen bislang erwartete Aufschwung im zweiten Halbjahr tatsächlich kommen wird.

Der Reuters-Service-Index ist der einzige monatliche Indikator für die Geschäftsentwicklung im deutschen Dienstleistungssektor. Befragt werden rund 500 Führungskräfte aus dem privaten Dienstleistungsbereich. Zusammen mit den öffentlichen Dienstleistern erwirtschaftet der Sektor etwa 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Für die Service-Branche der Euro-Zone zeichnete der Reuters-Index ein uneinheitliches Bild. Die Schwäche der deutschen Dienstleister drückte auch den Index-Wert für die Euro-Zone auf 48,9 Punkte nach 50 Zählern im Januar. In Frankreich und Italien berichteten die Unternehmen von einen Zuwachs ihrer Geschäfte, wobei sich aber die Zuwachsrate der letzten Monate abflachte. In Spanien fiel der Index erstmals seit 13 Monaten unter 50 Punkte. Werte unter 50 zeigen ein abnehmendes Geschäft an, Werte darüber einen Zuwachs.

Zweifel an baldiger Erholung der Konjunktur



Robert Lind von der Bank ABN Amro in London nannte die Zahlen enttäuschend, besonders in Deutschland: "Es kommen Zweifel auf, wann die Erholung der Wirtschaft beginnen wird." Bernd Weidensteiner von der DZ Bank sagte, langsam werde man misstrauisch, ob das Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr anziehen werde. Insgesamt zeichneten die Frühindikatoren für Deutschland ein uneinheitliches Bild, sagte Jörg Krämer von der Fondsgesellschaft Invesco Asset Management. So war zuletzt der Reuters-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland und der Euro-Zone überraschend deutlich gestiegen.

Einige Volkswirte und Forscher schließen nicht aus, dass die gesamte deutsche Wirtschaft bereits in einer leichten Rezession steckt. Im laufenden Vierteljahr sei wie im Schlussquartal 2002 allenfalls mit einer Stagnation zu rechnen, sagte Weidensteiner. 2002 war das BIP gerade einmal um 0,2 Prozent gewachsen.

Neue öffentliche Aufträge blieben aus

Als Ursachen für den Rückgang ihrer Geschäftstätigkeit hätten die deutschen Dienstleister vor allem den Mangel an öffentlichen Aufträgen und die Steuerpolitik der Bundesregierung genannt, erklärte die Forschungsgruppe NTC, die den Index im Auftrag von Reuters ermittelt. Für die Unternehmen bedeutete das einen Rückgang im Neugeschäft und damit einen noch härteren Preiskampf: Die Verkaufspreise sanken zum zehnten Mal in Folge.

Gleichzeitig stiegen nach Angaben von NTC jedoch die Einkaufspreise der Dienstleister, was den Kostendruck zusätzlich erhöhte. Als Ursache für die höheren Einkaufspreise nannten die Befragten die hohen Ölpreise in Folge der Irak-Krise, höhere Steuern und Sozialabgaben sowie gestiegene Versicherungsprämien. Nur die Finanzdienstleister verzeichneten wegen der jüngsten Leitzinssenkung einen Kostenrückgang.

Geschäftsaussichten bleiben düster

Auch die Vorausschau der deutschen Dienstleister auf ihre Geschäftslage in einem Jahr war erneut von Pessimismus geprägt. Der Teilindex lag zum fünften Mal in Folge mit 43,8 Zählern unter der 50-Punkte-Marke. "Die Befragten sorgten sich am meisten über die ungewisse Lage im Irak und die wirtschaftlichen Folgen eines militärischen Einsatzes", erklärte NTC.

Zuletzt hatten auch Branchenverbände einen düsteren Ausblick für Teile des Dienstleistungssektors gegeben. So rechnet das Gastgewerbe für 2003 mit erneut sinkenden Umsätzen, und die Reisebranche berichtete von Buchungsrückgängen für die Sommersaison. NTC zufolge werden die ausbleibenden Neuaufträge und trüben Zukunftsaussichten zu Stellenkürzungen bei Dienstleistern führen. Dabei war die Dienstleistungsbereich im vergangenen Jahr der einzige Wirtschaftszweig, in dem Arbeitsplätze entstanden. Allerdings kam der Beschäftigungszuwachs zum Jahresende praktisch zum Erliegen.

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