Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2003

09:14 Uhr

Ölvorkommen im Nachbarland wecken Begehrlichkeiten in der Türkei

Irak-Krise verunsichert die Märkte

VonHeinz Jürgen Schürmann (Handelsblatt)

Die Irak-Krise sorgt seit Monaten für einen Krisenzuschlag bei den Rohölnotierungen. Diese Risikoprämie hat in den vergangenen Wochen mehr als fünf Dollar je Barrel (159 Liter) erreicht - dabei kommt dem Irak bei der Versorgung der Weltölmärkte derzeit nur noch eine geringe Bedeutung zu.

DÜSSELDORF. Dennoch wächst die Furcht, dass der gesamte Nahe Osten als Öllieferregion bei einem Vergeltungsschlag der USA gegen Saddam Hussein in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Nervosität scheint begründet, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: der Irak kein Öl mehr liefert, gleichzeitig andere arabische Exporteure Lieferprobleme bekommen und Venezuela ebenfalls als Lieferant ausfällt.

Der Irak allein kann als Exporteur ohne größere Probleme ersetzt werden. Das Land rangiert mit 1,0 bis 1,3 Mill. Barrel pro Tag zwischen Platz 10 und 15 der Ausfuhrländer. Allein die übrigen Opec-Mitglieder besitzen derzeit freie Förderkapazitäten von 3,4 Mill. Barrel pro Tag. Zu diesem Ergebnis kommt die Internationale Energieagentur in Paris. Hinzu kommen noch ungenutzte Produktionsreserven bei kartellungebundenen Erdölförderländern von rund 0,5 bis 0,8 Mill. Barrel pro Tag. Rein rechnerisch sind die Reserven weltweit beinahe also viermal so hoch wie der irakische Beitrag.

Das Problem: Drei Viertel der weltweit frei verfügbaren Reserven liegen im Nahen Osten. Sollte dieses Angebot teilweise oder ganz ausfallen, könnte das Öl knapp werden, und es drohten drastische Preisaufschläge. Der Grund: Die Lagerbestände der Ölindustrie sind derzeit gering, und der Privatverbrauch steigt in den Wintermonaten. Nicht zuletzt um eine Spekulationswelle zu dämpfen, werden dann wohl staatliche Erdölvorräte freigegeben. Seit der ersten Ölkrise 1973/74 haben die Industrieländer in der Internationalen Energieagentur ein Krisenmanagement installiert; sie sichern sich damit einen Vorrat für drei Monate. Die USA haben ihre strategischen Vorräte bereits mehrfach eingesetzt, um den Ölpreis zu drücken. Nach der Invasion des Iraks in Kuwait 1990 und beim ersten Golfkrieg Anfang 1991 wurde das Krisenmanagement schon einmal getestet.

Je rascher der Irak-Konflikt gelöst wird, desto eher kann das Land wieder einen Spitzenplatz in der Ölliga erobern. Vor 13 Jahren produzierte der Irak noch mehr als 3,5 Mill. Barrel pro Tag. Nach Saudi-Arabien mit knapp 25 % war das Land mit knapp 11 % zusammen mit Iran zweitwichtigstes Opec-Mitglied. Die Iraker könnten schon in zwei bis drei Jahren auf den dritten Platz der Weltrangliste vorrücken und bis zu 3,5 Mill. Barrel pro Tag exportieren. Das scheint Begehrlichkeiten zu wecken. In der Türkei musste Ministerpräsident Abdullah Gül seinen Außenminister Yasar Yakis zurechtweisen. Yakis hatte verkündet, dass sein Ministerium untersuche, ob der Türkei aus historischen Verträgen Rechte auf Erdöllager im Nordirak zustehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×