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02.01.2001

18:00 Uhr

Ohne Fehleinschätzung geht es nicht...

Vom Selbstverständnis der Fehlprognosen

Noch sind sie druckfrisch, die Prognosen der Ökonomen und Börsianer über die Entwicklung von BIP, Dax und Euro 2001, und auch die dazu gelieferten Begründungen lesen sich noch tagesaktuell mehr oder weniger logisch.

vwd FRANKFURT. Noch sind sie druckfrisch, die Prognosen der Ökonomen und Börsianer über die Entwicklung von BIP, Dax und Euro 2001, und auch die dazu gelieferten Begründungen lesen sich noch tagesaktuell mehr oder weniger logisch. Wer sich noch an die Prognosen für 2000 und 1999 erinnert - man denke nur an die Euro-Euphorie 1999 und die Euro-Depression 2000 oder an den Jubel über die "New Economy" mit Spott auf "die Old Economy" an den Aktienbörsen - nimmt die Werte 2001 mit Vorsicht zur Hand. Wer Zerknirschung unter den Prognostikern erwartet, der irrt, im Gegenteil: "Ohne Fehlprognosen geht es nicht, der Markt braucht die Fehleinschätzungen, sogar durch die Mehrheit der Marktteilnehmer."

Das sagte Wieland Staud (Staud auf dem Forum "Aktien 2001" (Forum Institut für Management) am 5. Dezember 2000 in Frankfurt mit dem neuen Selbstwertgefühl sich irrender Analysten: "Sehr viele Prognosen sind in der Regel falsch, und dies ist wahrscheinlich eine Art Grundgesetz bzw. die Grundvoraussetzung überhaupt für funktionierende Märkte." Seine merkwürdige Gelassenheit über die Irrtümer seiner Zunft belegt Staud auch noch mit der "Technischen Analyse", mit den Stimmungsindikatoren, wo eine Mehrheit entscheidet über die tatsächliche Kursrichtung. Das hat Charme, nur wird dies die Schmerzen mancher Anleger noch erhöhen mit dem Schuss Häme.

"Old vs New Economy" und "Hightech vs Lowtech" schallt der Jubel von Wall Street mit Nasdaq nach Frankfurt zum Nemax noch bis ins Frühjahr 2000 hinein - und nun lecken sie sich die Wunden nach dem Crash auf Raten bei halbierten Indexständen. Und die Zunft der Analysten wechselt einfach das Lager und hat die "Old Economy" auf ihre Fahnen gesetzt. Nach einem entsprechenden Pferdewechsel soll der Dax 2001 forsch in Richtung 8 000 und darüber stürmen, zu einem solche Prognosemut wagen sich deutschen Großbanken und Fondsmanager vor, wobei die nachgelieferten Voraussetzungen mit dem "Soft Landing" der USA verbunden sind.

So leicht wie die Börsenanalysten, die ihre Fehlprognosen keck in die "Technische Analyse" einbringen, haben es die Makroökonomen nicht, obwohl auch hier die drängenden Trading Rooms das gründliches Denken einschränken. Es bleibt die Erkenntnis: Die Ansteckung vom Zauber der "New Economy" hat die Gesetze von Zyklen in Konjunktur inklusive Inflation nicht abgeschafft, eher verändert. "Old Macro" lebt, so Stephen S. Roach (Morgan Stanley), am ersten Handelstag 2001 in New York in seiner Analyse "The Lessons of 2000" mit der für die Börse nachdenklichen Botschaft: Kostendruck und Inflation treiben heute nicht mehr wie früher die Zinsen, sondern drücken die Unternehmensgewinne.

In einer solchen Analyse wird die Geldpolitik mehr denn je eine Kunst, weil sie bisher jedwede klare Regelbindung aufgekündigt, für nicht nachvollziebar aufgegeben hat. Diese Kunst wird nun vom Superman Alan Greenspan erwartet. Die EZB hat in Euroland den am besten sich selbst tragenden Konjunkturraum - im Gegensatz zu Asien und Lateinamerika mit der großen US-Abhängigkeit -, aber auch sie kann nur auf ein gelungenes "Soft Landing" hoffen. Deshalb war die EZB gut beraten, ihre Prognosen als Projektionen so breit zu spannen, dass darin nicht nur viel Wahrscheinlichkeit passt, sondern der Rest von Regelbindung mit stabilitäts- bzw. potenzialorientierter Geldmengenentwicklung.



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