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01.01.2006

10:39 Uhr

Oldifans: „Unsere Autos sind für uns wie Kinder“

Wo die Liebe noch Kampf ist

VonLina Panitz

Oldtimer gibt es nicht im Autohaus um die Ecke, und jedes Schätzchen hat ganz eigene Tücken. Im ersten Teil der Serie "Oldtimer sammeln" liefert das Weekend Journal Tipps und Tricks für den Kauf der Auto-Raritäten.

Sommer bei den Zettelmaiers: Mit Musik und Tee hat es sich das Ehepaar vor seiner Garage in Köln-Weiß bequem gemacht und bastelt - an seinem Oldtimer, dem 28 Jahre alten Toyota Land Cruiser BJ 40. "Ich muss lackieren, meine Frau flext die Bleche runter", erzählt Frank Zettelmaier. Frau Claudia kommt ins Schwärmen: "Unsere Autos sind für uns wie Kinder." Statt um Nachwuchs kümmert sie sich um die vier Autos der Familie: einen Ford Ka und einen VW Bully für den Alltag, einen Porsche 911 für den Fahrspaß und den alten Toyota für die Nostalgie.

Genug haben die Zettelmaiers noch nicht. Einen MG TL von 1946 wünscht sich Ehemann Frank, im Hauptberuf Spezialist für 3-D-Planungssoftware. Dabei ist der Toyota schon ein echtes Schätzchen, ein Geländewagen der alten Garde mit geschwungenen Kotflügeln und so stark wie ein LKW. "Der Cruiser ist ein Auto mit Charakter, man hört jede Umdrehung, fühlt, ob er sich anstrengen muss", sagt Frank Zettelmaier. Der selbst restaurierte Gelände-Oldie in Sahara-Beige blitzt und blinkt wie neu.

Das Oldtimer-Hobby ist hip: Flensburg zählt jedes Jahr mehr rote Nummernschilder für die steuerbegünstigten Oldies ab 30 Jahren. Mittlerweile gibt es über 100 000 registrierte Oldtimer, vor fünf Jahren waren es noch knapp 14 000. Und die Enthusiasten schwören, dass die Dunkelziffer noch weit höher liegt, denn jeden Tag könne man ein vergessenes Auto in einer Scheune entdecken.

Grund genug für das Weekend Journal, sich der mobilen Sammelleidenschaft in einer eigenen Serie zu widmen. Wer sich auf die Beziehung zu einem betagten Auto einlassen möchte, muss sich dem Objekt der Begierde langsam annähern: Egal ob Geländewagen, klassischer Maybach Zeppelin oder Mercedes 300 SL mit Flügeltüren - ein Oldtimer will sorgsam ausgesucht sein. "Nimmt man den Erstbesten, kann man sich alles versauen", sagt Kennerin Zettelmaier.

Obwohl ihr Land-Cruiser über eine Million Mal gebaut wurde, gibt es heute nur noch wenige Hundert der betagten Autos: "Sie haben normalerweise eine extrem kurze Lebenserwartung. Dann rosten sie und zerfallen", erzählt die 40-jährige Claudia Zettelmaier. Für ihren mittlerweile prächtig hergerichteten Liebling haben die Zettelmaiers von Toyota sogar schon einen Preis eingeheimst - für den schönsten Land- Cruiser Deutschlands.

Der Weg in die Oldtimer-Beziehungskiste kann schon mal steinig sein: Zettelmaiers haben ihren Geländewagen in der italienischen Schweiz gefunden - er vergammelte dort als Schneepflug mit Ketten und Frontlader. "Außer dem Rahmen war fast nichts mehr da. Überall Löcher", sagt die Autoliebhaberin. "Den Cruiser dann über die Schweizer Grenze zu schaffen war kein Problem. Der Spaß mit den Ämtern ging in Deutschland los, weil der Fahrzeugbrief fehlte", sagt Zettelmaier. Wer einen neuen Fahrzeugbrief braucht, muss eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Kraftfahrzeugbundesamt besorgen. So wird sichergestellt, dass der Wagen kein Diebesgut ist.

Wer es einfacher will, ist mit den großen Oldtimer-Messen bestens bedient, wo professionelle Oldtimerhändler, Clubs und Privatpersonen die Automobil- und Motorraddesigns ausstellen. Vorkriegsschätzchen wie das "Horch 853"-Cabrio mit langer Schnauze oder der Maybach Zeppelin kosten allerdings zwischen 250 000 und 750 000 Euro.

Als Grundregel beim Kauf gilt: Je mehr Originalteile dran sind, desto wertvoller ist das Auto. Wer viel Geld für seine Passion hinblättert, den juckt es dann auch nicht, wenn die alten Schluckspechte für 100 Kilometer 20 Liter Benzin und mehr brauchen. Wer hohe Geschwindigkeiten schätzt, wird eher auf die Baujahre nach 1945 setzen. Schnittige Sportwagen wie der "Austin Healey Roadster" oder "Porsche 356" als Cabrio oder Coupé aus den Jahren 1959 bis 1961 sind sogar vergleichsweise erschwinglich: Die Preise liegen zwischen 12 000 und 40 000 Euro.

Reparaturen härten ab: Bei dem Kupplungsschaden in der Türkei etwa holten Einheimische den Zettelmaiers die Dichtung eines Waschbeckens - damit lief der Cruiser wieder. Sie wissen heute auch, dass Oldtimer-Fahrer immer ein Fläschchen Blei-Ersatz im Erste-Hilfe-Kasten dabeihaben sollten, weil die alten Motoren bleifreies Benzin nicht vertragen.

Wer mit seinem Oldtimer ans Licht der Öffentlichkeit möchte, sollte vor dem Kauf testen, ob er fahrtüchtig ist - und ob das Fahren Spaß macht. Hierzu bieten die großen Messen nur selten Raum. Kleinere regionale Messen wie der "Autofrühling Expo-Mobil" in Rheinberg geben zu Testfahrten eher Gelegenheit. Private Aussteller oder Oldtimer-Clubs lassen Interessierte auch mal selbst ans Steuer. Clubmitglieder helfen außerdem gerne bei Fragen rund um den Oldtimer-Kauf. Wer auf ein Schnäppchen hofft, wartet bei den kleineren Ausstellungen mit dem Zuschlag am besten bis zum letzten Messetag. Viel läuft auf dem Oldtimer-Markt heute schon über das Internet. Meistgenutzte Portale sind Mobile.de und Ebay.de. Bei Ebay gibt es mittlerweile rund 10 000 Oldtimer-Angebote.

Der Oldtimer-Laie hingegen muss immerhin so fit sein, dass er sich im Kaufgespräch nicht blamiert und übers Ohr gehauen wird. "Wer unsicher ist, sollte vor allem in höheren Preisklassen einen Sachverständigen mit zur Besichtigung nehmen", rät Lars Rosenbrock, Fachredakteur beim "Oldtimer-Markt".

Und er warnt, dass Oldtimer echte Liebhaberei erfordern: "So ein Auto ist nie ganz fertig", sagt auch Claudia Zettelmaier. Doch gerade das lieben die Oldtimer-Fans und verbringen viel Zeit schraubend und lackierend in der Garage. Und: Alte Autos muss man fahren können. So ganz ohne Servolenkung, Sechsganggetriebe, Airbag und ABS. "Es ist ein Kampf", gibt Claudia Zettelmaier zu. Doch für die Kölnerin lohnt sich der ganze Aufwand: "Am Ende zählt nur, dass man glücklich mit dem Auto ist. Und das bin ich!"

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