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09.01.2003

09:52 Uhr

Operation durchs Schlüsselloch

Minimalinvasive Chirurgie auf dem Vormarsch

VonWolfgang Gillmann

Die minimalinvasive Chirurgie ist technisch ausgereift. Durchgesetzt hat sich die Schlüssellochchirurgie jedoch nicht, weil sich ambulante Behandlungen bislang für die Krankenhäuser nicht gerechnet haben. Das wird sich mit der neuen Fallkostenpauschale künftig ändern.

DÜSSELDORF. Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des Fachverbandes Elektromedizinische Technik im ZVEI, ist sich sicher: "Der minimalinvasiven Operationstechnik gehört die Zukunft." Immer mehr Krankenhäuser setzen künftig auf die Schlüssellochtechnologie, die in den letzten fünf Jahren für immer mehr Eingriffe entwickelt worden ist. "Die Technik ist ausgereift, und immer bessere bildgebende Verfahren ermöglichen es, die Mikrochirurgie in zusätzlichen Bereichen einzusetzen", sagt der Medizintechnikexperte.

Bei der innovativen Operationsmethode werden nur noch kleine Hautschnitte angelegt, durch die millimeterdünne Katheter und Endoskope in den Körper eingeführt werden. Über diesen Weg werden miniaturisierte Operationswerkzeuge zum erkrankten Organ gebracht, mit denen der Arzt kranke Zellen wegschneiden oder ganze Organe abtrennen kann. Da dieser - im Vergleich zur konventionellen Operation - kleine Eingriff den Patienten weniger belastet, verkürzt sich der Krankenhausaufenthalt drastisch. Das war bislang für die Kostenrechnung der Krankenhäuser eher ein Nachteil, der mit der neuen Fallkostenpauschale wegfallen wird.

Wurden minimalinvasive Behandlungsmethoden bisher vorwiegend bei Knieverletzungen und Beschwerden im Magen-Darm-Bereich eingesetzt, werden die schonenden Behandlungsmethoden mehr und mehr auch auf andere Gebiete ausgeweitet. So werden inzwischen Bandscheibenschäden minimalinvasiv behoben, Herzklappen eingesetzt oder Tumore im Gehirn entfernt.

Mediziner am Institut für Mikrotherapie der Universität Witten Herdecke haben sogar eine Methode entwickelt, mit der sie Bandscheibenschäden, die durch Osteoporose verursacht werden, minimalinvasiv stabilisieren können. "Die zusammengebrochenen Wirbelkörper verursachen starke Rückenschmerzen. Schmerzmittel, Osteoporosemedikamente, Korsetts und Physiotherapie können die Schmerzen der Patienten nicht lindern, so dass häufig eine teure stationäre Behandlung erforderlich ist", beschreibt der Leiter des Instituts, Dietrich Grönemeyer, die Folgen der Erkrankung.

Grönemeyer nutzt bei der Bandscheibenoperation Techniken, die sich bereits in der Kardiologie bewährt haben. Ähnlich wie das Weiten von Gefäßen mit einem Ballon- Katheter, stützt er bei der so genannten Ballon-Kyphoplastie zusammen gebrochene Wirbel bei Osteoporose. Dazu werden zwei Ballons in den Wirbelkörper platziert und vorsichtig unter Druck mit Flüssigkeit aufgeblasen. Auf diese Weise hebt sich die eingebrochene Wirbelkörperendplatte, und es entsteht ein Hohlraum, der anschließend mit einem speziellen Knochenzement aufgefüllt wird.

Grönemeyer erwartet, dass sich die neue Behandlungsmethode schnell verbreiten wird. Da alle großen Kliniken über Computertomographen verfügen, könne die Methode bald überall eingeführt werden.

Die Kinderchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover behandelt sogar Frühgeborene mit Hilfe der minimalinvasiven Technik. Derzeit erfolgen etwa 30 % der Eingriffe in Bauch und Brustkorb mit der Technik - Tendenz steigend. Der Leiter der Klinik, Benno M. Ure, rechnet damit, dass in den kommenden Jahren die Schlüsselloch-Chirurgie bei mehr als der Hälfte der Operationen eingesetzt wird.

Gleichzeitig analysieren Mediziner die Methode wissenschaftlich: Sie prüfen die Techniken an Modellen, verfeinern sie und untersuchen die Reaktionen des Körpers. Von besonderem Interesse ist die Reaktion des Immunsystems. "Sie scheint im Vergleich zur herkömmlichen Operation deutlich günstiger, sorgt für die raschere Erholung der Kinder und für die geringere Komplikationsrate", sagt Ure.

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