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02.06.2000

15:04 Uhr

Optionsmaßzahlen helfen bei Auswahl der Scheine

Wetten auf High-Tech-Titel - ein heißes Eisen

Technologieaktien schwanken stark. Viele Anleger wollen dies bewusst ausnutzen und mit Optionsscheinen überproportional an den Kurssprüngen verdienen. Bei der Auswahl der Papiere orientieren sie sich oft am viel zitierten Hebel. Der ist allerdings nur begrenzt aussagekräftig; es gibt wichtigere Kennzahlen.

An den Börsen wird es in den nächsten Wochen ungemütlicher, warnen Analysten. Zinserhöhungen der Notenbanken in Europa und den USA könnten die Kurse wiederholt auf Talfahrt schicken. Optionsscheinfans wittern jedoch gute Chancen, mit kurzfristigen Ein- und Ausstiegen in stürmischen Börsenzeiten Gewinne einzufahren. Daher schrecken sie auch die schwankungsanfälligen Technologietitel nicht ab - im Gegenteil.

Viele Anleger haben bereits mit High-Tech-Aktien Erfahrungen gesammelt, etwa am Neuen Markt, bevor sie sich an Optionsscheine heranwagen. "Die sind dann schon eingestimmt auf das Auf und Ab", stellt Olav Blasbergvon der Citibank fest. Allerdings seien auch die Investoren an der deutschen Wachstumsbörse oft Einsteiger im Aktiengeschäft. "Ihnen muss man immer wieder aufs Neue erklären, wie die Börse funktioniert", sagt Blasberg.

Zusätzlichen Erklärungsbedarf liefert die komplizierte Optionsscheintheorie. Kaum ein Anleger blickt durch, wie er sich die Maßzahlen Delta, Gamma oder Theta zunutze machen kann. Viele schauen der Einfachheit halber auf die Kennzahl Hebel - obwohl die für sich genommen wenig aussagekräftig ist. Erst in Kombination mit dem Delta gibt sie Hilfestellung bei der Auswahl der Scheine. Außerdem sollten Anleger auf die implizite Volatilität (erwartete Schwankungsbreite der Kurse des Basiswertes)und den Abstand zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Scheine (Spread) achten.

Bei Optionsscheinen denkt jeder spontan an die Hebelwirkung: Mit einem geringen Geldeinsatz - die Scheine kosten oft wenige Euro - kann man an starken Kursschwankungen der Aktien überproportional verdienen. Der Hebel wird errechnet, indem der aktuelle Preis des Basiswerts Aktie mit dem Bezugsverhältnis multipliziert und das Produkt durch die Optionsprämie geteilt wird. Er gibt an, um wie viel mal stärker die prozentuale Änderung der Optionsprämie ausfällt, wenn sich der Aktienkurs um ein Prozent verändert. Der Hebel beschreibt lediglich das Verhältnis des Kapitaleinsatzes beim Schein zum Einsatz beim Aktienkauf.

Dabei wird unterstellt, dass sich im Zeitablauf nur der innere Wert ändert (Differenz zwischen Aktienkurs und dem festgelegten Basispreis des Scheins). Folglich wird ein unveränderter Zeitwert (Zeitprämie) vorausgesetzt. Neben der Tatsache, dass der Hebel nichts über die mögliche Kursentwicklung des Scheins aussagt, ist dies der Hauptkritikpunkt an dieser Maßzahl:In der Realität ist der Zeitwert keineswegs konstant. Die Kennzahl ist nur dann aussagekräftig, wenn der Anteil der Zeitprämie am gesamten Preis des Papiers niedrig ist. Das trifft auf Scheine zu, die sehr tief im Geld notieren; bei Kaufoptionsscheinen (Calls) ist dies der Fall, wenn der Kurs weit über dem Basispreis notiert. Hier gilt: Je höher der Hebel, desto mehr Risiko birgt das Papier.

Allerdings gibt es eine Möglichkeit, den Zeitwert einzubeziehen: Dafür ist das Delta geeignet. Es gibt an, um wie viel Prozent sich der Optionskurs tatsächlich verändert, wenn der Aktienkurs um einen Euro vorrückt oder fällt. Ein Call weist stets einen Deltawert zwischen null und eins auf, das Intervall für einen Verkaufsoptionsschein (Put) erstreckt sich von minus eins bis null. Je näher der Wert an der Zahl 1 liegt, desto stärker reagiert der Preis des Calls auf Schwankungen des Aktienkurses. Gewinnchance und Verlustrisiko steigen. Zieht der Aktienkurs bei einem Delta von 0,5 (50 Prozent) um einen Euro an, verteuert sich der Schein um 0,5 Euro; vorausgesetzt, das Bezugsverhältnis beträgt 1:1.

Berthold Grünebaum von der DG Bank plädiert dafür, dass sich Einsteiger am Delta orientieren. Es komme darauf an, dass sie sich klarmachten: Nicht automatisch bei billigen Scheinen zugreifen. Das sind meist Papiere, die aus dem Geld liegen (bei Calls notiert der Kurs unter dem Basispreis). Bei denen sind die Deltawerte oft niedrig: Der Schein reagiert nur schwach auf Veränderungen der Aktie. Dann darf der Anleger nicht enttäuscht sein, wenn die Aktie um zwei Prozent steigt, und sein Schein dümpelt vor sich hin.

Um den Hebel aussagekräftiger zu machen, wird er mit dem Delta multipliziert. Die Profis sprechen dann von effektivem Hebel, "Leverage" oder auch "Gearing". Diese Kennziffer zeigt, welche prozentuale Kursentwicklung der Schein bei einer gegebenen Performance der Aktie erwarten lässt. Ein Problem für den Anleger ist allerdings: Delta und Hebel ändern sich ständig - entsprechend den Kursschwankungen der Aktie. Daher sollte der Anleger seine Investmententscheidung von Zeit zu Zeit überprüfen.

Auch das annualisierte Aufgeld wird zur Orientierung herangezogen. An der Zahl kann man ablesen, was das Recht wert ist, eine Aktie über den Optionsschein zu beziehen; der Bezug ist teurer als der Kauf an der Börse, weil sich der Aktienkurs in die vom Anleger erwartete Richtung bewegen kann. Für im Geld liegende Scheine bedeutet ein Aufgeld von 7,8 Prozent, dass der Kauf der Aktie über den Call um diesen Prozentsatz teuer ist als der direkte Erwerb. Für die Kaufentscheidung ist die Kennzahl aber nicht ausschlaggebend.

Das Gamma ist vor allem für fortgeschrittene Optionsscheinfans interessant. Die Zahl sagt aus, wie sensibel das Delta auf Änderungen des Aktienkurses reagiert. Je höher der Gammawert, desto instabiler das Delta.

Indessen ist es für Einsteiger am Derivatemarkt sinnvoll, auch Theta-Werte unter die Lupe zu nehmen. Sie messen die Reaktion des Optionspreises auf die Restlaufzeit des Scheins. Für den Investor hat das Theta vor allem den Nutzwert, dass er weiß, dass sein Schein bei fortschreitender Laufzeit an Wert verliert, sagt Ralf Wandmacher, Optionsscheinexperte bei Goldman Sachs.

Nach Wandmachers Ansicht ist einer der wichtigsten Punkte jedoch, dass der Investor bei der Auswahl der Scheine auf die impliziten Volatilitäten, die erwarteten Schwankungsbreiten der Basiswerte, achtet. Eine hohe Volatilität verteuert die Optionsscheine. Denn für den Emittenten ist das Risiko bei schwankenden Aktienkursen höher, dass sich die Papiere in die vom Käufer gewünschte Richtung entwickeln. Wichtig für die Investoren: Wenn sie in turbulenten Börsenzeiten Aktien kaufen, ist das Risiko größer, dass die Volatilität irgendwann wieder von ihrem hohen Niveau zurückkommt. Das wird dann die Preise der Scheine drücken. Gerade bei Technologiewerten, die oft hohe Volatilitätswerte haben, sollten Anleger diesen Zusammenhang beachten.

Gegenwärtig schwanken die Aktienkurse innerhalb begrenzter Spannen recht stark. Die Börsianer sind unsicher, wohin es gehen wird. Anleger sollten darauf achten, dass sie Scheine mit hohem inneren Wert kaufen. Dann müssen sie sich weniger ärgern, wenn die Nervosität (und damit die Volatilität) weicht. Und die Preise der Scheine fallen.

TIPPS FÜR EINSTEIGER So findet man den richtigen Optionsschein.

Am Anfang steht die Meinung zu einer Aktie, einer Währung oder einem Index: Wer Optionsscheine kaufen möchte, muss sich darüber klar werden, auf welches Bezugsobjekt er spekulieren will - die Profis sprechen vom Basiswert. Die Wetten sind nur dann sinnvoll, wenn Investoren eine feste Vorstellung von der zu erwartenden Kursentwicklung haben.

Viele Anleger entscheiden sich für Kaufoptionsscheine auf einzelne Aktien. Sie sollten vor dem Kauf prüfen, wie es denn um die Fundamentaldaten - sprich: Finanzen - der Unternehmen steht. Grundsätzlich sollte man nicht in Firmen investieren, deren Geschäftsidee man nicht verstanden hat, etwa nach dem Motto "hat irgend etwas mit Technologie zu tun, wird also zukunftsträchtig sein".

Sicherheitsorientierte Anleger, die sich an die deutsche Wachstumsbörse Neuer Markt heranwagen, sollten möglichst ausschließlich auf Marktführer setzen. Günstig ist, wenn die Gesellschaften in Branchen mit hohen Markteintrittsbarrieren arbeiten. Außerdem sollte man prüfen: Hat das Unternehmen seine Planziele erreicht? Gegenteilige Meldungen sind am Neuen Markt oft mit Kurseinbrüchen bestraft worden. Bei jungen Firmen ist darüber hinaus wichtig, dass das Management überzeugend auftritt. Ein Indikator dafür ist eine gute Investor-Relations-Politik.

Nach der Auswahl des Basiswertes gilt es, die Angebote der Banken zu vergleichen. Bei der Suche nach dem richtigen Optionsschein bieten Finanzdienstleister im Internet wie "onvista.de" Hilfe. Entsprechend der eigenen Risikoneigung wählt der Anleger aus. Dabei sollte er auf die impliziten Volatilitäten (erwartete Schwankungsbreiten der Kurse) achten. Eine hohe Volatilität treibt die Preise der Optionsscheine in die Höhe. Wer bereits teure Papiere kauft, sollte bedenken: Sinkt die Volatilität, fallen auch die Preise der Scheine. Orientierung bei der Auswahl der Papiere bietet auch der effektive Hebel (Delta x Hebelwert). Tendenziell bedeuten große Hebelwerte ein höheres Risiko: Bei einem Anstieg des Basiswerts schnellt der Schein rasch nach oben, bei einem Fall bricht er stärker ein als der Aktienkurs.

Wichtig ist auch, dass Anleger sich klarmachen, in welchem Zeithorizont sie eine bestimmte Bewegung des Aktienkurses erwarten, und wie stark diese Ausschläge ausfallen dürften. Denn davon hängt ab, welchen Basispreis sie wählen sollten. Erwartet man in naher Zukunft eine starke Reaktion, ist ein Schein mit kurzer Restlaufzeit zu empfehlen, der etwas aus dem Geld liegt. Zur Erinnerung: Aus dem Geld liegen heißt bei Calls, dass die Aktie aktuell unter dem Basispreis notiert. Ist der Investor unsicher, was Zeitpunkt und Ausmaß der Bewegung betrifft, sollte er einen Schein mit längerer Laufzeit kaufen. Und zwar einen, der weiter im Geld liegt; der Basispreis liegt dann unter dem Aktienkurs. In diesen Fällen ist der Zeitwertverlust nicht so groß. Allerdings sind die Papiere oft teuer.

Bereits vor dem Kauf sollten Anleger sicherstellen, dass sie über die notwendigen technischen Mittel und ausreichend Zeit verfügen, um die Scheine ständig zu überwachen. Oft ist schnelles Eingreifen angesagt. Gewinne innerhalb der einjährigen Spekulationsfrist sind übrigens steuerpflichtig. Aber auch Verluste lassen sich verwerten: Wenn man sie mit anderen Spekulationsgewinnen verrechnen und so seine Steuerlast reduzieren kann.



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