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20.02.2004

08:14 Uhr

Ordnungspolitik im Handelsblatt

Von RTL lernen heißt verlieren lernen

VonBernd Ziesemer

Die Bundesregierung will Eliteuniversitäten fördern, um Innovationen anzukurbeln. Das ist gut gemeint, aber leider ein Holzweg.

Deutschland suchte den Superstar - und der Fernsehsender RTL fand einen gewissen Alexander. Eine Jury mit bekannten Experten aus der Musikindustrie besorgte die Vorauswahl, das Volk stimmte vor den Fernsehgeräten ab. Alle waren zufrieden: Alexander, RTL und die konzerneigene Plattenindustrie. Es gab nur ein Problem: Beim ersten internationalen Wettbewerb landete der junge Sänger prompt auf dem vorletzten Platz. Kein Superstar, nur deutsches Mittelmaß.

Was das alles mit Ordnungspolitik zu tun hat? Ganz einfach: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn will deutsche Eliteuniversitäten in einem Wettbewerb bestimmen, der so ähnlich funktionieren soll wie die RTL-Fernsehshow. Nicht nur das Dumm-Denglish dieser Initiative ("Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten") erinnert fatal an die Marketing-Maschine des Kölner Senders. Auch die Auswahlmechanismen unterscheiden sich nicht wirklich. Der "Spiegel" spottete deshalb bereits zu Recht von einem "Uni-Casting".

Zwar ist die Idee, die im Kanzleramt geboren wurde, eigentlich völlig richtig: Deutschland braucht Eliteuniversitäten, wenn sich der Innovationsprozess in der Wirtschaft beschleunigen soll. Nur sind Expertenrunden, staatliche Auswahlwettbewerbe und 50 Millionen Euro Belohnung aus der Bundeskasse der völlig falsche Weg, um dieses Ziel zu erreichen.

In der ökonomischen Wissenschaft wurde jahrzehntelang darüber gestritten, ob der Staat überhaupt etwas Sinnvolles für Innovationen tun kann. Der US-Ökonom Robert Solow geht davon aus, dass sich technischer Fortschritt nur schwer stimulieren lässt: Er bleibe letztlich allein das Ergebnis unternehmerischer Initiative. Wenn der Staat versucht, "Gewinner zu finden", verzerre er nur den Wettbewerb. Das Gleiche gilt auch für die Konkurrenz unter den Universitäten: Selbst eine noch so kompetente Jury wird es in dem Bulmahnschen Modell nicht schaffen, in der hochkomplexen Forschungslandschaft die technologischen Sieger von morgen zu identifizieren.

Anhänger der so genannten "neuen Wachstumstheorie" argumentieren umgekehrt, dass der Staat zum Beispiel durch Forschungssubventionen für den Privatsektor sehr wohl etwas zur Ankurbelung der Innovationsbereitschaft tun kann. Die Bundesregierung ist vor kurzem quasi kollektiv ins Lager der "neuen Wachstumstheoretiker" übergewechselt. Dabei werden jedoch die kritischen Fragen, die Ökonomen seit Jahrzehnten stellen, weitgehend ausgeblendet: Wie lassen sich bei erhöhter Innovationsförderung bloße Mitnahmeeffekte in der Wirtschaft verhindern? Wie können wir bei begrenzten staatlichen Mitteln maximale Wirkungen erzeugen?

Bulmahn will den "Superstars" unter den deutschen Hochschulen mit 50 Millionen Euro unter die Arme greifen. Für die einzelne Universität hört sich das verlockend an. Im internationalen Vergleich geht es jedoch nur um Peanuts: Die Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten, mit denen wir uns messen müssen, streichen jedes Jahr mindestens das Zehnfache an privaten Spenden ein. Aber selbst wenn der Finanzminister mehr Geld aufbringen könnte, würde die Bulmahn-Initiative wahrscheinlich scheitern: Die deutschen Universitäten sind in der Regel gar nicht in der Lage, einen plötzlichen Geldsegen sachgerecht (also für die Förderung wirtschaftlich umsetzbarer Innovationen) auszugeben.

Die Erfahrungen anderer Länder zeigen: Der Staat kann durch gesetzliche Rahmenbedingungen, die marktwirtschaftlichen Wettbewerb stimulieren, mehr für Innovationen tun als durch Subventionen. Die Bundesregierung sollte den Universitäten nicht mehr Geld geben, sondern mehr Anreize, selbst Geld zu verdienen. In den USA hat sich der Wissenstransfer aus den Universitäten in die Wirtschaft in den letzten zwei Jahrzehnten sichtbar stärker beschleunigt als in Europa. Eine wesentliche Ursache dafür war der so genannte Bayh-Dole-Act von 1980. Seit dieser Gesetzesänderung können die Universitäten ihre Forschungsergebnisse wirtschaftlich selbst verwerten - sei es über Patente, Lizenzen oder Unternehmensausgründungen.

In Deutschland sind die gesetzlichen Minimalbedingungen für ähnliche Hochschulaktivitäten erst im Februar 2002 geschaffen worden, mehr als 20 Jahre nach den USA. Verschiedene Vorschriften, zum Beispiel das antiquierte Beamtenrecht, behindern die wirtschaftliche Verwertung von Universitätsforschung jedoch nach wie vor erheblich im Vergleich zu den USA. Hinzu kommt: An den deutschen Universitäten gibt es keine "Patentkultur", wie die Arbeitsstelle Forschungstransfer an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster vor einiger Zeit bemerkte. Unter dem ideologischen Deckmantel der "Freiheit der Grundlagenforschung" verhindern viele Professoren nach wie vor eine enge Zusammenarbeit mit großen Unternehmen. Eigene wirtschaftliche Aktivitäten sind an deutschen Universitäten nur argwöhnisch und oft neidisch begleitete Randerscheinungen.

Die amerikanischen Erfahrungen zeigen: Um den Innovationstransfer in die Wirtschaft zu beschleunigen, bedarf es auch einer radikalen Änderung in der Hochschulverwaltung. Die deutschen Universitäten brauchen an ihrer Spitze professionelle Manager mit langjähriger Industrieerfahrung, wenn sich die Bedingungen für die schnellere wirtschaftliche Verwertung von Forschung verbessern sollen. Sie müssten allerdings auch die Kompetenzen bekommen, ihre Hochschulen in einen wirklichen Wettbewerb zu führen.

Echte Superstars müssen sich auf dem Markt durchsetzen. Das gilt für die internationale Musikbranche genauso wie für die weltweite Hochschullandschaft. Etwas mehr "Brain up" in Berlin würde helfen.

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