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11.03.2004

16:57 Uhr

Outsourcing als Trend des Mittelstandes

"Jedes Unternehmen kann auslagern"

Grundsätzlich kann jedes Unternehmen Aufgaben auslagern, meint Christian Oecking, Leiter Global Outsourcing bei Siemens Business Services. Was konkret möglich ist, sei aber nur individuell zu entscheiden. Das Handelsblatt sprach mit Oecking über die Perspektiven des Outsourcing-Geschäfts.

Der Outsourcing-Markt hat den IT-Unternehmen in den vergangenen Jahren gute Umsätze gebracht. Wie schätzen Sie das weitere Potenzial ein?

Outsourcing ist für viele Unternehmen ein selbstverständliches Element der Management-Strategie geworden. Die Zahl der Outsourcing-Projekte nimmt besonders in den europäischen Ländern deutlich zu. So wurden im Jahr 2003 in Europa mehr Outsourcing-Verträge mit einem Volumen über 50 Millionen Euro publiziert als in den USA, dem traditionell größten Outsourcing-Markt der Welt.

Bei welchen Branchen hat sich Outsourcing vor allem durchgesetzt?

Outsourcing ist besonders in der Finanzbranche sowie im Maschinen- und Anlagenbau ein Thema. Doch auch der Öffentliche Sektor hat in letzter Zeit stark aufgeholt.

Mittlerweile wenden sich immer mehr IT-Dienstleister dem Mittelstand zu...

Der gehobene Mittelstand hat sich speziell in Deutschland schon früh mit dem Thema Outsourcing beschäftigt. In der Regel schließen diese Unternehmen eher selektive Outsourcing-Verträge ab, zum Beispiel SAP-Betreiberdienste. Deutlich kleinere Unternehmen stehen dieser Entwicklung häufig noch skeptisch gegenüber. Mit der Zunahme des Kostendrucks im Rahmen der Globalisierung wird jedoch auch ihre Akzeptanz steigen.

Ist IT-Outsourcing wirklich für jedes Unternehmen und jede Branche geeignet?

Grundsätzlich kann jedes Unternehmen Aufgaben auslagern. Jedoch muss diese Frage je nach Situation individuell entschieden werden. Üblicherweise geht man davon aus, dass Prozesse, die das Kerngeschäft betreffen, weniger zum Outsourcing geeignet sind als so genannte Supportprozesse wie beispielsweise der Betrieb eines Rechenzentrums.

Was zeichnet einen guten Outsourcing-Anbieter ihrer Ansicht nach besonders aus?

Ein guter Anbieter sollte Innovationskraft und-geschwindigkeit, Internationalität und wirtschaftliche Stabilität bieten, um den Kunden effektiv und langfristig unterstützen zu können - gegebenenfalls auch an anderen internationalen Standorten. Zudem ist umfangreiche Erfahrung, sowohl mit Outsourcing-Projekten als auch in der jeweiligen Branche, sehr wichtig. Basis jeder Outsourcing-Partnerschaft ist der Vertrag, der neben den technischen und kaufmännischen Bedingungen insbesondere die gemeinsamen Ziele beschreiben sollte. Dabei gilt grundsätzlich: Je flexibler sich der Lieferant auf die spezifische Situation des Kunden einstellen kann, umso nachhaltiger ist der Erfolg der Partnerschaft.

Worauf kommt es den Unternehmen bei der Entscheidung für ein Outsourcing-Projekt Ihrer Beobachtung nach vor allem an?

Auf das Erreichen ihrer Ziele. In der Regel sind das Kostenreduktion und-flexibilität, Zugang zu Know-how und Technologien, Qualitäts- oder Leistungsverbesserungen, geringere Aktiva in der Bilanz, Risikoverlagerung, Fokussierung auf das Kerngeschäft und Innovationsgeschwindigkeit. Etwa 40 Prozent der Firmen machen ihre Anbieterauswahl vorrangig von Preisüberlegungen und technischen Fähigkeiten abhängig.

Um mögliche Einsparpotenziale durch Outsourcing offenzulegen, wenden Sie die Real Cost of Ownership-Analyse an. Was hat es damit auf sich?

Zuerst werden dabei die ITK-Kosten einschließlich dem Kapitalbedarf der IT für die nächsten Jahre ermittelt und finanziell bewertet. Im zweiten Schritt entwickeln wir auf Basis der Kundenanforderungen ein Outsourcing-Szenario. Danach stellen wir Ergebnis- und Kapitalflussrechnungen für beide Alternativen auf, aus denen die Einsparungen unmittelbar hervorgehen. Abschließend fassen wir die Ergebnisse in einer Abschlussbilanz zusammen und zeigen die nächsten Schritte zur Ausschöpfung der Einsparpotenziale auf, die in der Regel im zweistelligen Prozentbereich liegen.

Einige Outsourcer garantieren das Erreichen bestimmter Einsparziele - und bei Nichterreichen werden Vertragsstrafen fällig...

Die Einsparziele werden in der Regel im Vertrag fest hinterlegt, so dass der Dienstleister für die Zielerreichung verantwortlich ist. Bei uns kommen für die Leistungserbringung so genannte Bonus-Malus-Systeme zur Anwendung, die im Falle einer Unterschreitung vereinbarter Service Levels zu Vertragsstrafen führen. Dabei achten wir auf faire Vereinbarungen, die wir gemeinsam mit dem Kunden festlegen. Warum soll man den Dienstleister nicht auch belohnen, wenn er über die vereinbarten Ziele hinaus besondere Leistungen bringt?

Immer mehr Unternehmen verlangen von ihrem Outsourcer so genannte On-Demand-Modelle...

Die On-Demand-Bereitstellung von Leistungen ermöglicht ein dynamisches Investitionsverhalten und eine kurzfristige Reaktion auf sich verändernde Situationen. Doch sind flexible Gebührenmodelle nur für Kunden sinnvoll, deren Ressourcenbedarf stark schwankt. Ein Beispiel dazu: Wir haben mit der englischen Passbehörde einen Vertrag geschlossen, der die Bezahlung nach der Anzahl der erstellten Pässe vorsieht.

Viele Outsourcer erwarten einen Umsatzschub durch das Inkrafttreten der Basel II-Richtlinien. Wo liegt hier das Potenzial?

Durch Basel II streben Unternehmen an, ihre Bilanzen von Assets zu befreien und damit ihre Kreditwürdigkeit zu steigern. Deshalb kann es gerade für mittelständische Unternehmen interessant sein, die hauseigene IT an einen Outsourcer abzugeben und so nur noch laufende Kosten für Dienstleistungen zu verzeichnen. Denn die aus Basel II resultierende erhöhte Kreditdeckungspflicht der Banken erschwert vor allem kleineren Unternehmen, eine regelmäßige Erneuerung der IT extern zu finanzieren. Mit Hilfe eines Outsourcing-Vertrages kann dies auf den Dienstleister übertragen werden.

Das Gespräch führte A. Freisberg

Quelle: Handelsblatt online 12.03.2004

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