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21.12.2011

11:46 Uhr

10 Tipps für den Quotenhit

Warum Castingshows so erfolgreich waren

VonDésirée Linde

Vor rund zehn Jahren setzte in Deutschland der Castingboom an. Seither wird auf allen Kanälen versucht zu singen, zu tanzen oder einfach nur gut auszusehen. Die zehn goldenen Regeln für eine erfolgreiche Castingshow.

Panflötenspieler Leo Rojas ist das RTL-„Supertalent 2011". dpa

Panflötenspieler Leo Rojas ist das RTL-„Supertalent 2011".

DüsseldorfCastingshows bescherten den TV-Sendern ein ganzes Jahrzehnt Marktanteile bis an die 50 Prozent-Marke. Doch das Erfolgsrezept bröckelt. Auch, weil es so simpel ist. Das sind die zehn Regeln für kurzfristigen Casting-Erfolg.

Tipp 1
Trommeln Sie so viele Menschen wie möglich zusammen, die als Kind nicht rechtzeitig von der Super Nanny therapiert, später von Peter Zwegat aus den Schulden geholt wurden oder von Tine Wittler ein so schönes Zuhause bekommen haben, dass sie die unwirtliche RTL-Bühne in Köln-Hürth als Hort der Glückseligkeit empfinden und sich auch nicht scheuen, dies auch ganz ungeniert in die Kamera zu sagen. Damit haben Sie einen erfolgversprechenden Pool an potentiellen Kandidaten. 32.078 Kandidaten sind es etwa am Anfang der gerade startenden Jubiläumsstaffel von RTLs „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS).

Tipp 2
Verzichten Sie um Himmels Willen auf normale Menschen mit unspektakulären Biographien. Der Student, der gern Urlaub in Spanien macht, eine intakte Familie und eine Freundin hat, die nicht im Pornogeschäft arbeitet oder ihm auch nicht vor laufender Kamera den Laufpass geben mag, kann tatsächlich super singen? Egal. Mit diesem Normalo holen Sie keine Quotensiege. Ein bisschen Talent darf schon sein, wahlweise genügt aber auch der Glauben daran. Wichtiger ist, dass Ihre Kandidaten vom Schicksal so gebeutelt sind, dass es für die ganz große Mitleidsshow mit ordentlicher Portion Fremdschämen reicht. Bei einem der jüngsten Sieger der RTL-Show „Das Supertalent“, Leo Rojas, lag der Herzschmerz darin, dass er seine Familie in Ecuador seit Jahren nicht gesehen hatte und sich als Straßenmusiker durchschlug. Da spielte RTL gleich ein bisschen Kai Pflaume und ließ die Mama einfliegen.

Tipp 3
Suchen Sie eine Jury mit Qualitäten in der Brachial-Rhetorik. Der König bleibt dabei Dieter Bohlen. Der sagte zu Panflötenspieler Rojas etwa: „Klar, dass die Mädels deine Flöte mögen“ und nannte dessen Darbietung „Winnetou meets Enigma“.

Tipp 4
Ach ja, die Frauenquote. Ja, dann setzen sie halt neben den Bohlen noch eine, besser zwei austauschbare Jurorinnen, die die von Bohlen niedergemachten „Talente“ wieder aufbauen, hin und wieder ein paar Tränchen verdrücken, wenn ein Schicksal ganz besonders bewegend ist und die ansonsten nur gut aussehen. Notfalls geht es auch ohne Frauen.

Die deutschen Casting-Shows

Die Geschichte

Die Leuchttürme der meist privaten Sender sind „Das Supertalent“, „Deutschland sucht den Superstar“ (beides RTL), „Germany’s Next Top Model“ (Pro7). Am Anfang, etwa zur Jahrtausendwende, als das Format von den USA nach Deutschland kam, begann es „Popstars“ (erst RTLII, dann Pro7). Mehr als 20 Formate sind in den vergangenen Jahren allein in Deutschland über die Bildschirme geflimmert.

Die Sender

Castingshows bleiben das Steckenpferd der Privaten, obwohl auch die öffentlich-rechtlichen Sender versuchten, auf der Castingwelle mitzureiten. Shows wie „Musical Show Star“ oder „Die Stimme“ (beides ZDF) hatten nur mit mäßigem Erfolg. Fortsetzungen gab es nicht.

Skurrile Ableger

Dieser Boom treibt auch skurrile Blüten: Sogar der Sparten-Kanal Sport1 castet mithlfe von Ex-Big-Brother-Kandidaten, wenn auch weitgehend unbeachtet, inzwischen mit der der pornografisch angehauchten Show „Deutschland sucht das Sexy Sport Clips Model".

Das Schema

Ein Ende ist nicht in Sicht, die Sender produzieren munter Sendung um Sendung und die Zuschauer schalten ein. Daran ändert auch nicht, dass sich einige Castingshows ein „seriöseres“ Umgehen mit den Talenten auf die Fahnen geschrieben haben, wie etwa „X-Factor“ (Vox) oder das neue „The Voice of Germany“ (Pro7/Sat1). Wettkampf, Sieger, Verlierer – das Schema funktioniert weiterhin.

Was verdienen die Ex-Kandidaten?

Wie viel Geld die Sieger im Anschluss an die Show verdienen, ist unterschiedlich und hängt im Wesentlichen davon hab, ob die „Talente“ bei den Bohlen-Sendungen den Chefjuror für sich erwärmen konnten oder anderweitig Verträge abschließen können. Mundharmonika-Spieler Michael Hirte, der das Supertalent 2008 wurde, holte etwa fünffach Platin, musste von den Einnahmen allerdings gegen seinen Willen auch seinem Manager abgeben, wie das Kölner Gericht befand. Allein aus seinen Einnahmen im ersten Erfolgsjahr musste er seinen Manager zu 25 Prozent beteiligen: 88.000 Euro.

Tipp 5
Vergeuden Sie nicht unnötig Zeit mit der Suche nach guten Moderatoren und zeigen Sie Mut zum absoluten Fehlen von Witz und Geist. Wer bei einer Castingshow durch den Abend führt, muss lediglich das TV-Publikum immer wieder daran erinnern, dass die Entscheidung „ganz allein bei Ihnen“ liegt (via Anruf, der meist um die 50 Cent kostet), den Kandidaten, die sich zum Affen gemacht haben, beim Abgang noch einen verbalen Tiefschlag versetzen und ansonsten in allen Variationen und bester Johannes B.-Kerner-Manier fragen: „Wie fühlst du dich?“. Hilfreich ist auch ein gewisses Talent zum sinnentleerten Plappern. Dafür lohnt es sich die Moderationsleistungen von Marco Schreyl und Daniel Hartwich, dem Duo infernale bei „Das Supertalent“, zu studieren.

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