Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2013

15:10 Uhr

200. Geburstag von Wagner und Verdi

„In den Kellern unserer tiefsten Abgründe“

VonMaike Freund

Der eine Hitschreiber, der andere Genie ohne Skrupel: Die Komponisten Verdi und Wagner feiern ihren 200. Geburtstag. Experte Holger Noltze erklärt die Oper – vom Liebestod bis zum Gang in die Abgründe der eigenen Seele.

Anna Netrebko als Edelhure „Violetta Valery“ in Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ in einer Inszenierung 2005. dpa

Anna Netrebko als Edelhure „Violetta Valery“ in Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ in einer Inszenierung 2005.

Herr Noltze, in diesem Jahr stehen die runden Geburtstage gleich zweier großer Komponisten an, die vor allem durch ihre Opern weltberühmt wurden: der Italiener Guiseppe Verdi (1813 bis 1901) und der Deutsche Richard Wagner (1813 bis 1883). In Ihrem neuen Buch „Liebestod“ haben Sie sich mit beiden Musikern auseinandergesetzt. Warum soll ich mir so etwas heute eigentlich noch anhören?
Opern – und nun mal gerade die, die diese beiden Herren verfasst haben –können etwas ganz Besonderes: Sie bringen uns mit einer Schicht unseres Inneren in Verbindung, die wir oft verlernt haben zu sehen. Die Schicht der großen Gefühle, der Sehnsucht nach etwas Totalem. Mein Buch heißt „Liebestod“, weil ich glaube, dass das der Urgrund ist, von dem alles ausgeht. Der Liebestod ist eine Fiktion einer totalen Liebe, die in dieser Welt gar nicht mehr zu realisieren ist, die es aber in den Opern von Verdi und Wagner noch gibt, also träumt man sich in eine andere Welt hinaus.

Aber das kann Kino auch...
Die Oper hat ein besonderes Wirkungsmittel: Sie verbindet die Geschichte mit einer Szene und wirkungsstarker Musik. Und plötzlich werden wird in den Keller unserer tiefsten Sehnsüchte und Abgründe geleitet. Wenn am Ende von „Tristan und Isolde“, jenem Paar, dessen Liebe nicht sein darf, Wagner seiner Isolde eine regelrechte Himmelfahrt beschert, merken wir ja: Im wirklichen Leben funktioniert das so nicht. Deshalb können manche Leute in der Oper weinen, weil sie realisieren, dass man gerne hätte, was man nicht hat. Sie weinen über etwas Verlorenes, diese vollkommene Liebe. Und das ist ein großes Erlebnis, nicht nur eine ästhetische Erfahrung. Das kann durchaus ein Leben verändern. Wie ein guter Film.

Randnotizen zu Richard Wagner

Opernabende

Für das Jubiläumsjahr 2013 zeigt die Datenbank von „operabase.de“ weltweit 988 Aufführungen von 279 Produktionen in 124 Städten an. Freuen dürfen sich unter anderem Opernfans in der chinesischen Hauptstadt Peking Ende April auf „Der fliegende Holländer“ und Anfang Oktober in Südkoreas Hauptstadt Seoul auf „Parsifal“. Im vergangenen Jahr waren es 756 Aufführungen von 221 Produktionen in 101 Städten.

Für die Ewigkeit

Zur Zeit gibt es 17 Wagner-Denkmäler. Davon stehen zehn in Deutschland, drei in der Schweiz und je eines in Österreich, Italien, Spanien und England. Die drei größten finden sich in Berlin, München und im sächsischen Graupa bei Pirna. Das als weltweit größtes Wagner-Monument geltende Denkmal im Liebethaler Grund bei Pirna zeigt Wagner als Gralsritter. Das Teil aus Bronze hat eine Gesamthöhe von 12,5 Metern.

Kleiner Mann

Wagner soll nur 1,66 Meter groß gewesen sein. Den Mann von kleinem Wuchs und großem Kopf beschrieb der deutsche Schriftsteller Thomas Mann 1911 in einem Brief als „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigem Charakter“.

Spaßvogel

Der Künstler war dafür bekannt, dass er seine Opern in historischen Kostümen komponierte. „Wo Wagner war, war Theater“, schreibt Joachim Köhler in seinem Buch „Der lachende Wagner“. Der Künstler selbst sei zwar zum „Inbegriff pompöser Selbstdarstellung und lächerlicher Selbstüberschätzung“ geworden. Dass er jedoch ein „begnadeter Spaßvogel“ gewesen war, sei bisher unbemerkt geblieben.

Notorische Geldnot

Wagners verschwenderischer Lebensstil war unter anderem der Grund, warum er häufig auf der Flucht vor seinen Gläubigern den Ort wechseln musste. Angeblich hatte er 18.000 Taler Schulden, als er sich Ende Mai 1849 wegen seiner Teilnahme am Dresdner Aufstand ins Schweizer Exil absetzte. Das waren zwölf Jahresgehälter, Wagner bezog als Kapellmeister jährlich 1500 Taler.

Wahre Liebe

Seine erste Frau Minna soll ihm in der Premierennacht seiner Oper „Rienzi“ am 20. Oktober 1842 in Dresden Lorbeerblätter ins Bett gelegt haben, damit er sich „auf seinen Lorbeeren ausruhen“ kann. Das Publikum hatte die Oper begeistert aufgenommen.

Treue Begleiter

Wagner war sehr tierlieb. Bis zu seinem Lebensende begleiteten ihn – in wechselnder Besetzung – vor allem bellende Vierbeiner. Selbst seine Bayreuther Grabstätte plante er so, dass er neben seinen Hunden liegen sollte. Wagner, sein Zwergspaniel Peps mit den hängenden Ohren und später der Papagei Papo galten als unzertrennlich. Er nannte sie in einem Brief an einen Freund „meine durch Gottes besondere Gnade und unbegreifliche Fügung ohne eheliche Zeugung und Geburt mir verliehenen Kinder, das Söhnlein Peps und das Töchterlein Papo“.

Hört sich nach Arbeit an…

Die Oper soll nicht nur ein Traumraum sein, wo wir uns aus der Welt in eine andere Welt hinausflüchten. Sie kann uns dabei helfen, dass wir uns über unsere Träume überhaupt im Klaren werden. Was wollen wir von der Liebe? Was fürchten wir am Tod? Und warum crashen diese beiden großen Motive so stark aneinander?

Wagner und Verdi-Opern sind also nichts für Angsthasen?
Opern beider Komponisten werden auch heute dauernd gespielt, das hat zu einer Rezeptionsroutine geführt. So sieht man gar nicht mehr, welche Abgründe sich da auftun. Beispielweise, wie genau und scharf Verdis Gesellschaftskritik ist – die durchaus auf heute übertragbar ist. Er zeigt, wie die gesellschaftlichen Kräfte die Freiheit und auch die freie Liebe des Individuums beeinflussen und unter welchem Druckverhältnis der einzelne steht. Verdi wirft die Frage auf: Wovon werden wir bestimmt? Diese Dinge sind hochbrisant, besonders auf der psychologischen Ebene. Wer die Oper nicht nur als bekanntes Phänomen nimmt, sondern sich darauf einlässt, der kann sich durchaus schon mal fürchten – aus gutem Grund. Aber er wird daraus auch etwas lernen – über sich selbst.

Was mache ich, wenn ich als Nicht-Opern-Kenner das erste Mal zum Beispiel „Tristan und Isolde“ sehe? Gibt es sozusagen ein Einsteiger-Paket für Erst-Opern-Besucher?
Man muss nicht Musikwissenschaften studiert haben, um eine Oper zu verstehen. Aber sicherlich ist es gut, sich über die Handlung zu informieren. Ansonsten plädiere ich für Offenheit. Wagner oder Verdi sind nicht nur für Opernkenner interessant: Denn mit dem Gerümpelkeller unserer Gefühle haben wir ja alle zu kämpfen.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Tabu

20.05.2013, 19:53 Uhr

Ich liebe das kraftvoll wehmütige an Wagner.
Besonders aus Tannhäuser den Chor der Pilger.

Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen
und grüssen froh deine lieblichen Auen;
nun lass ich ruhn den Wanderstab,
weil Gott getreu ich gepilgert hab!

ELISABETH lauschend.
Dies ist ihr Sang! Sie sind's! Sie kehren heim!
Ihr Heil'gen, zeigt mir jetzt mein Amt,
dass ich mit Würde es erfülle!

Wolfram
Die Pilger sind's, - es ist die fromme Weise,
die der empfangnen Gnade Heil verkündet!
O Himmel, stärke jetzt ihr Herz
für die Entscheidung ihres Lebens!

Kruzifix

20.05.2013, 20:12 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Kruzifix

20.05.2013, 20:25 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×