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28.10.2011

09:58 Uhr

Akustikexperte im Interview

„Die Vorhänge schlucken den meisten Schall“

Der Akustiker Jürgen Reinhold sorgt für den richtigen Klang im restaurierten Bolschoi-Theater in Moskau. Im Interview spricht der Experte über die Herausforderungen beim Umbau und über Probleme mit der Moskauer Metro.

Der Akustikexperte Jürgen Reinhold vor dem Bolschoi-Theater in Moskau. dpa

Der Akustikexperte Jürgen Reinhold vor dem Bolschoi-Theater in Moskau.

Welche Bedingungen haben Sie vorgefunden, als Sie vor sechs Jahren mit den Arbeiten im Bolschoi begonnen haben?

Reinhold: Der große Saal war viel zu trocken, der Klang im Saal wenig lebendig. Dicke Vorhänge und Polster sowie der schwere Betonboden haben vor allem hohe Töne geschluckt. Und die Bühnenhöhe war viel zu gering, das ist ebenfalls schlecht für die Klangausbreitung. Andererseits haben wir auch gute Voraussetzungen vorgefunden. Zum Beispiel hilft die ebene Decke bei der gleichmäßigen Schallverteilung. Viele andere Theater haben Kuppeldecken, dadurch wird der Schall stark gebündelt.

Was haben Sie geändert?

Wir haben die Polsterauflagen dünner gemacht. Außerdem haben wir wieder Naturholz statt Spanholz benutzt. Das ist ein ganz spezielles Klangholz aus den österreichischen Alpen, das auch im Musikinstrumentenbau verwendet wird. In der Parkettzone war eine Betonplatte drin aus Sowjetzeiten, die haben wir erst einmal rausreißen lassen. Sie wurde dann durch eine sehr filigrane Holzstruktur ersetzt, damit werden die Töne über die Beine spürbar. Auch die Holzbrüstungen sorgen dafür, dass das Theater mit dem Klang lebt. Mit der neuen Fußbodenstruktur konnte auch die Parkettneigung und die zu geringe Höhe der Bühne korrigiert werden. Beides führt zu wesentlich besserer Sicht und auch zu einer besseren Schallversorgung. Denn was für die Sicht gut ist, ist auch für den Schall gut. Uns war wichtig, dass wir die historischen Materialien erhalten oder - wo erforderlich - gleichwertig ersetzen konnten.

Was war denn die größte Herausforderung?

Besonders schwierig war die Integration der Lüftung. Ohne die historischen Oberflächen zu verändern und die Akustik zu verschlechtern, musste eine Lüftung integriert werden, die sämtliche Zuhörerbereiche versorgt. Diese arbeitet heute absolut lautlos und hat keinen Einfluss auf die akustische Qualität. Ein scheinbar unsichtbares Problem brachte die Metro hervor: Der neue unterirdische Konzertsaal liegt sehr nah an zwei Linien der weltberühmten Metro. Neben umfangreichen baulichen Maßnahmen am Konzertsaal werden in den nächsten Wochen auf über 300 Metern die Schienen elastisch auf den Schwellen befestigt, und es werden elastische Matten unter die Weichen gelegt. Damit verringern wir den Lärm von ursprünglich 45 Dezibel auf dann nur noch 20.

Welche Ideen haben Sie nicht umsetzen können?

Gerade im Theatersaal konnten wir fast alle Erfordernisse durchsetzen, mit Ausnahme der Vorhänge. Sie schlucken neben dem Publikum den meisten Schall. Die dekorativen und das Erscheinungsbild des Bolschois prägenden Vorhänge sind sehr schwer und absorbieren viele Töne. Unsere Forderungen, dieses Problem einzudämmen, konnten zugunsten von Ästhetik und dem richtigen Faltenwurf der Theatervorhänge nur zum Teil umgesetzt werden.

Jürgen Reinhold (50) ist Akustiker beim Ingenieursbüro Müller BBM aus Planegg bei München.

Von

dpa

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