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07.01.2005

04:03 Uhr

Panorama

Alte Dämonen, neue Debatten

VonRalf Balke (Handelsblatt)

Zwei Bücher zeigen, dass Antisemitismus längst zu einem weltweiten Phänomen geworden ist

Neuer Antisemitismus? Schon der Titel des Sammelbands von Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider wirft die Frage auf, was am Hass gegen Juden eigentlich neu ist. Schließlich ist der Antisemitismus keine wirklich taufrische Idee. Dennoch: Es hat ein Wandel der Kontexte und Bezugspunkte stattgefunden. Denn der Judenhass von heute ist nicht mehr allein die Domäne von windigen Rechtspopulisten. Vielmehr wird häufig mit dem Hinweis auf den Nahostkonflikt Gewalt gegen Juden legitimiert. Judenhass ist darüber hinaus ein weltweites Phänomen. Oder wie Daniel Goldhagen es in seinem Beitrag formuliert: Der Antisemitismus ist erfolgreich globalisiert worden. Eindrucksvoll konnte man das im Oktober 2003 auf der Islamischen Konferenz in Kuala Lumpur erleben. Vor 57 Staatschefs und rund 2000 Journalisten behauptete Malaysias Ministerpräsident Mahatir Mohamad, dass die Juden für alles Übel auf der Welt verantwortlich seien. "Niemand verließ unter Protest den Saal", schildert Omer Bartov die gespenstische Szenerie. Ergänzend dazu kritisiert der Politologe Matthias Küntzel die unbekümmerte deutsche Haltung bei der Auswahl von Dialogpartnern aus arabischen Ländern und attestiert zahlreichen Nahostexperten eine eklatante Betriebsblindheit gegenüber dem islamistischen Judenhass. Die ohne jede Hysterie geschriebenen Beiträge zeigen eines sehr deutlich: Der Nahostkonflikt steht im Mittelpunkt der Debatte. Insbesondere die Frage, wo die Grenzen zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus liegen. Der Historiker Dan Diner schlägt als Strategie der Zukunft die "gordische Lösung" vor: "Nämlich zum einen den Antisemitismus zu bekämpfen, als ob es den arabisch-jüdischen Konflikt nicht gäbe; zum anderen alles zu unternehmen, um ebenjenen Konflikt einer beiden Seiten zuträglichen Lösung zuzuführen - so, als gäbe es den Antisemitismus nicht." Auf den kaum beachteten Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Antiamerikanismus weist Andrei Markovits hin. "Kein Land dieser Erde ruft eine solche Totalität der Gefühle und Aversionen hervor, wie dies die USA und Israel tun." Beide dienen als Projektionsfläche einer breiten Palette von Ressentiments, die insbesondere in Europa gehegt und gepflegt werden. Wie genau diese aussehen und warum Antisemitismus und Antiamerikanismus häufig "Zwillingsbrüder" sind, darüber gibt er in seinem aktuellen Buch Auskunft. Die USA und Israel gelten als militärische Supermächte, die ihre High-Tech-Waffen rücksichtslos gegen Schwache zum Einsatz bringen. "Die Europäer setzen in diesem Zusammenhang die USA und Israel dem schlechten alten Europa gleich, von dem sie selbst glauben, dass sie es, dank ihrer erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung, längst hinter sich gelassen hätten." Bemerkenswert sind dabei die Verknüpfung der Feindbilder und die einem schnellen Wandel unterliegende Wahrnehmung: Bis zu den Anschlägen vom 11. September wurde Israel oft als Vorposten des US-Imperialismus im Nahen Osten gehandelt. Danach hieß es mit dem Hinweis auf die "jüdischen Neokonservativen" plötzlich, Washington sei nur eine Marionette Israels. Das alte Klischee von der allmächtigen jüdischen Lobby feiert fröhlich seine Renaissance. Markovits? Fazit: Die Einigkeit, die unter den politischen Akteuren, den Intellektuellen sowie den Bevölkerungsmehrheiten in ihrer Haltung gegenüber den USA und Israel herrscht, lässt wenig Gutes für die Zukunft erwarten.

DORON RABINOVICI/ULRICH SPECK/NATAN SZNAIDER (Hg): Neuer Antisemitismus? - Eine globale Debatte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004, 332 Seiten, 12,50 Euro

ANDREI S. MARKOVITS: Amerika, dich hasst sich?s besser - Antisemitismus und Antiamerikanismus in Europa, Konkret Verlag, Hamburg 2004, 239 Seiten, 15 Euro

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