Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.12.2011

12:21 Uhr

Alte Meister

Kraftvolle Motive sind gesucht

VonMatthias Thibaut

Bei den Londoner Auktionen gab es Rekordpreise. Einerseits. Andererseits sorgt ein Geschmackswandel dafür, dass vieles aus der Mode kommt und billiger wird.

"Bild eines vornehmen Herren" von Diego Rodriguez de Silva y Velazquez. AFP

"Bild eines vornehmen Herren" von Diego Rodriguez de Silva y Velazquez.

LondonHändler und Versteigerer sahen sich nach den Londoner Altmeister-Auktionen wieder einmal ratlos an. Es gab Rekordpreise für kraftvolle und frische Bilder. Aber vieles wurde nur lustlos beboten oder sogar ganz ignoriert. Das Besondere wird aufgewertet und "altmodisch" gewordene Kunst reihenweise abgeschrieben.

Niemand zeigt das besser als der Altmeister-Händler William Noortman, dessen Unternehmen Sotheby's gehört. Bei Bonhams bezahlte er für ein neu entdecktes, seit Jahrzehnten nicht gesehenes Pfirsich-Stillleben von Adriaen Coorte, das auf 300 000 bis 500 000 Pfund geschätzt war, einen Rekordpreis von 2,1 Millionen Pfund. Gleichzeitig hat Sotheby's unverkäufliche Mittelware aus seinem Galeriebestand für 8 Millionen Dollar abgeschrieben, denn der Geschmackswandel der letzten zehn Jahre hat sie unverkäuflich gemacht.

Nach oben und unten dringt der Markt so kontinuierlich in neue Preisbereiche vor. "Es wird immer erratischer", meinte Händler Konrad Bernheimer bei Christie's, wo das Gemälde "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten" von Pieter Brueghel d.J. 7 Millionen Pfund erzielte (8 Millionen Euro). Mit einem schmalen, auf Erfolg getrimmten Angebot hatte Christie's eine glänzende Auktion. Um die besten Bilder bewarben sich jeweils vier, fünf Bieter. Aber ein Großteil dessen, was die Maler in den letzten 500 Jahren schufen, lässt den heutigen Geschmack kalt.

Während Christie's kein einziges Blumenstillleben in der Abendauktion hatte, gab es bei Sotheby's gleich drei hintereinander, die jedoch alle zurückgingen. Keine 15 Jahre ist es her, dass den Händlern fast jedes Stillleben für einen hohen Preis aus der Hand gerissen wurde. Genauso erfolglos waren drei dunkle, niederländische Barocklandschaften von Philips Koninck, Jacob van Ruisdael und Jan Wijnants. Das kleine Dreieck im Katalog wies sie als Besitz von Sotheby's aus; ob sie aus dem abgestoßenen Bestand der Noortman-Tochter stammen, wollte Sotheby's nicht bestätigen.

Volker Wurster von der Bremer Galerie Neuse, einer der wichtigsten deutschen Kunsthändler, kommentierte diesen radikalen Geschmackswandel mit einem Bremer Kaufmannsspruch: "Kaufmannsgut kommt wie Ebbe und Flut." Ob Landschaften bald wieder in Mode kommen und jetzt als günstige Schnäppchen empfohlen werden können, weiß er nicht, nur dass sich das Auf und Ab des Geschmackswandels beschleunigt hat.
Was also war erfolgreich? Bei Sotheby's kam gleich zu Beginn ein Christus mit Dornenkrone von Andrea Solario zum Aufruf, das aber wegen Beteiligung seiner Werkstatt nur auf niedrige 60 000 bis 80 000 Pfund taxiert war. Das Bild brachte brutto 385 250 Pfund: Ein Marktvotum, das nicht nur dem Maler, sondern auch dem dramatischen Motiv galt. Denn auch bei Christie's wurde am Vortag ein Dornengekrönter aus der Werkstatt von Albrecht Bouts für identische 385 250 Pfund mit der vierfachen Schätzung zugeschlagen. "Kraftvolle Motive sind wichtiger als große Namen", stellte Christie's Versteigerer James Bruce-Gardyne fest.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×