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05.11.2014

17:29 Uhr

Anselm Kiefer

Ein Künstler für das deutsche Wesen

VonMatthias Thibaut

Die Angelsachsen lieben den deutschen Maler Anselm Kiefer. Doch gekauft wird er weniger, obwohl ihn Galeristen hoch schätzen. Warum das so ist, lässt sich in London erahnen. Dort zeigt die Royal Academy eine überaus glanzvolle Retrospektive.

Anselm Kiefer: "Schwarze Flocken", 2006, Öl, Emulsion, Schellack, Kohle und Bleibuch auf Leinwand. Das Bild ist 5,70 m breit und stammt aus dem Besitz der Familie Grothe. Copyright: Anselm Kiefer (Ausschnitt)

Anselm Kiefer: "Schwarze Flocken", 2006, Öl, Emulsion, Schellack, Kohle und Bleibuch auf Leinwand. Das Bild ist 5,70 m breit und stammt aus dem Besitz der Familie Grothe. Copyright: Anselm Kiefer (Ausschnitt)

LondonEs ist nicht ganz so überraschend, dass die Royal Academy den deutschen Künstler Anselm Kiefer mit einer Retrospektive ehrt, die an Glanz und Gloria noch die großen Ausstellungen für Georg Baselitz und Anish Kapoor aus der letzten Dekade übertrifft. Kiefer ist in London sozusagen Hauskünstler. Er wurde noch vor Baselitz als erster deutscher Künstler Ehrenmitglied der Academy, seine internationale Karriere begann hier 1981 unmittelbar nach seinem Biennale Auftritt mit der epochalen Ausstellung „A New Spirit in Painting“, wie er ja überhaupt der angelsächsischen Begeisterung mehr verdankt, als der Liebe seiner Landsleute.

Warum fasziniert Kiefer die Angelsachsen? Ein Grund ist, dass er die eingegrabene Wahrnehmung von Deutschland so gut bedient. Waldverehrung, Wagner, nordische Sagen, Naturmystik – die Angelsachsen, oft jüdische Sammler, dankten es Kiefer besonders, dass er in den Siebziger Jahren die damals in Deutschland verdrängte Nazivergangenheit ausgrub und Themen, die für viele unveräußerlich zum deutschen Wesen gehören, dem Erbe der Nazis zu entreißen versuchte – auch Untergangsromantik und Todeskult.

Vertrocknete Sonnenblumen

„Deutsche Kunst besteht immer aus Trümmern“, sagt ein Mann bei der Vernissage im Oktagonalraum zu seiner Begleiterin. Dort hat Kiefer unter den Blicken der Goldblattbüsten großer Akademiemaler einen Stapel alter Leinwände, vertrocknete Sonnenblumen und Bleibuchreste aufgebaut, die von eisenschweren Meteoriten zertrümmert scheinen. Die Installation heißt „Erdzeitalter“ und zeigt, dass man Kiefer in London in der Tradition der Historienmalerei „des Academy Begründers Joshua Reynolds sieht.

Mit einer Art Tafelanschrieb setzt Kiefer den unbedeutenden Gegenwartsmoment seiner eigenen Künstlerbiografie in ironischen Kontrast zu den Hunderten von Millionen Jahren Erdgeschichte. Wenn man in solchen Dimensionen denkt, macht es auch nichts, dass ein fast identischer Berg von Leinwänden vor über 20 Jahren unter dem Titel „20 Jahre Einsamkeit“ schon in der Galerie Marian Goodman zu sehen war.

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