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14.12.2011

15:35 Uhr

Antike Kunst

Römisches Trauerspiel

65 antike Statuen aus dem Louvre kehren vorübergehend an ihren alten römischen Standort zurück. Italiens Kunsthistoriker hätten nun die Chance, die legendäre Sammlung von Kardinal Borghese zu rekonstruieren. Doch Rom verschenkt die Gelegenheit.

Amor reitet auf dem Kentauren, Replik des 2. Jahrhunderts n.Chr., Marmor (Ausschnitt) MusÈe du Louvre-Thierry Ollivier

Amor reitet auf dem Kentauren, Replik des 2. Jahrhunderts n.Chr., Marmor (Ausschnitt)

RomRom war noch nie eine besonders fortschrittliche Stadt. Sie richtete ihr Augenmerk gern auf die Vergangenheit. So kehren 65 Statuen, die einst zum Bestand der römischen Borghese-Galerie gehörten, vorübergehend an ihren Heimatort zurück. Doch bereitet das Museum seinen einstigen Bewohnern einen enttäuschenden Empfang. Die einmalige Gelegenheit der Rekonstruktion einer legendären Sammlung wird vertan. Rittlings sitzt Amor auf dem Kentauren, während Silenos behutsam den kleinen Bacchus im Arm wiegt, und Hermaphrodit den Schlaf der Gerechten schläft. Gewöhnlich tun sie das im Louvre. Zur Zeit dürfen der Zwitter und seine Weggefährten ihren Beschäftigungen in Rom, in der Galleria Borghese, nachgehen. Hier müssten sie sich eigentlich heimischer fühlen als in Paris, waren sie doch einst die Hauptattraktionen der Borghese-Sammlung, bevor Raphael, Bernini und Caravaggio ihnen das Feld streitig machten.

Hermaphrodit (Detail), Erste Hälfte 2. Jahrhundert n. Chr., Marmor. (Ausschnitt) Musée du Louvre-Thierry Ollivier

Hermaphrodit (Detail), Erste Hälfte 2. Jahrhundert n. Chr., Marmor. (Ausschnitt)

Neid unter Herrschern

Dabei entspricht dies nicht der ganz der Wahrheit, denn der Meister des Barock, Gian Lorenzo Bernini, meißelte höchstpersönlich die Matratze, auf die der kleine Hermaphrodit aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. gebettet wurde. Streit gab es zwischen der Antike und der Moderne im Hause Borghese keinen, wohl aber Neid unter den Herrschern. Den verspürte niemand geringeres als Napoleon in Anbetracht der Schätze, die der Kardinal Borghese in seinem Gartenpalais zusammengetragen hatte. Da er sich mit dem Gedanken trug, in dem zum Museum gekürten Königspalast Louvre zu residieren, gedachte er, der Sammlung einige Meisterwerke zuzuführen, die ihm dabei Gesellschaft leisten sollten. Und warum in die Ferne greifen, wenn das Gute zwar nicht in nächster Nähe, wohl aber in Reichweite lag. War doch Napoleons Schwester Paoline mit Camillo Borghese, dem Nachfahren des Gründers der Sammlung, Kardinal Scipione Borghese, verheiratet.

Auf Geheiß des Louvre-Leiters Dominique Vivant Denon wurde der italienische Antiquitätenhändler Ennio Quirino Visconti beauftragt, eine Liste der wichtigsten Stücke der Antikensammlung aufzustellen, inklusive ihrer Schätzwerte. Am Ende standen 600 Exponate für einen Gesamtwert von 3, 9 Millionen Franken auf der Liste. Camillo machte sich nichts aus Statuen, doch ganz so billig wollte er das „Tafelsilber“ nun auch nicht hergeben. Man einigte sich auf 13 Millionen Franken, die in Raten zu bezahlen und zum Teil mit Ländereien zu vergüten waren.

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