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21.01.2011

10:09 Uhr

Antiquariatsmessen

Doppelte Strahlkraft

VonStefan Kobel

Mit Prominenz, Millionenwerken und gewachsener Auslandsbeteiligung feiern die Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg gemeinsam ihre Jubiläen. Die Stuttgarter Antiquariatsmesse ist die zweitälteste Europas. Bei den Händlern ist allerhand Rares und Kurioses zu haben.

Georg Grosz: Die unbetitelte Mischtechnik ist das "Portrait eines Kapitalisten oder Spießers." VG Bild-Kunst, Bonn 2011/ Antiquariat Am Mortizberg, Hildesheim,

Georg Grosz: Die unbetitelte Mischtechnik ist das "Portrait eines Kapitalisten oder Spießers."

BERLIN. Die Stuttgarter Antiquariatsmesse feiert 2011 ihre Gründung vor 50 Jahren, die Antiquaria in Ludwigsburg ihren Start vor 25 Jahren. Die Schwestermessen schaffen es, dass die Gemeinde der Bibliophilen immer Ende Januar in den Südwesten pilgert.

Die Stuttgarter Antiquariatsmesse ist nicht nur die älteste Veranstaltung ihrer Art in Deutschland, sondern auch die zweitälteste Europas. Nur London startete 1958 vier Jahre früher. „Antiquare und Graphikhändler gelten im Allgemeinen als Individualisten und sind nicht leicht zu bewegen, sich an Gemeinschaftsunternehmungen zu beteiligen“, freute sich Günther Mecklenburg von J.A. Stargardt – damals noch in Marburg, heute Berlin – im Vorwort zum Premierenkatalog.

Heute sind neben seinem Unternehmen noch immer vier der 21 Gründungsteilnehmer unter den 78 Ausstellern vertreten. Diese Kontinuität ist auch an der behutsam wachsenden Auslandsbeteiligung ablesbar. 22 Aussteller stammen von jenseits der Grenzen, davon die Hälfte aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland. Als plakative Messlatte für den Stellenwert dient das Preisniveau der Exponate.

Hier punktet die Messe dank Heribert Tenscherts Antiquariat Bibermühle, der regelmäßig Millionenwerke zeigt. Dieses Jahr ist es eine flandrische oder nordfranzösische „Bible Historiale“ nach Petrus Comestor um 1470 mit blattbreiten Illustrationen, die 1,5 Millionen Euro kostet. Ein weiterer Höhepunkt ist ein Konvolut der Korrespondenz Albert Einsteins mit seiner Familie. „Dies die gerechte Strafe für meine Schwäche, die mich mein Leben an das Deine binden ließ“, beschwert sich der Wissenschaftler darin unter anderem bei seiner damaligen Ehefrau Mileva im Jahr 1914. Für 250 000 Euro bietet Kotte Autographs aus Roßhaupten die 75 Schriftstücke an.

In der Zeitspanne dazwischen ist bei den Händlern allerhand Rares und Kurioses zu haben. Zauberbücher und beschriebene Bambuszylinder der Batak aus Sumatra etwa, die Brockhaus/Antiquarium aus Kornwestheim für zusammen 3 000 Euro anbietet. Der Adressat dürfte den darunter befindlichen Drohbrief nicht auf die leichte Schulter genommen haben: Die Batak waren Kannibalen. Makaber ist ein ethnographisches Tableau von Karl Ernst Ritter von Baer bei Banzhaf aus Tübingen (35 000 Euro), das Menschenköpfe von Bewohnern verschiedener Südseeinseln zeigt und 1862 auf der Weltausstellung in London zu sehen war.

Genau halb so alt wie die Stuttgarter Messe ist die kleinere Parallelmesse Antiquaria in der Musikhalle des benachbarten Ludwigsburg, die sich mit jetzt 54 Teilnehmern der großen Schwester immer mehr annähert. Die 25. Ausgabe steht unter dem Motto Jubiläen; entsprechende Exponate sind im Katalog mit einem kleinen Lorbeerkranz gekennzeichnet.

Selbst entdecken kann der Besucher Kleinode wie das aquarellierte Porträt eines Kapitalisten oder Spießers von George Grosz, das vom Hildesheimer Antiquariat Am Moritzberg für günstige 12 500 Euro angeboten wird, oder eine Fotodokumentation, die „die Beamtenschaft des Zuchthauses und Sicherungsanstalt Straubing ihrem hochverehrten Anstaltsvorstand“ 1938 gewidmet hatte (885 Euro).

Nicht nur Freunde alter Bücher dürfte die gemeinsame Auftaktveranstaltung beider Messen am 24. Januar anziehen: Der Literaturkritiker Dennis Scheck und der Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, diskutieren, wie viele Bücher der Mensch braucht und andere Fragen.

50. Antiquariatsmesse Stuttgart


28. bis 30. Januar im Württemberg. Kunstverein
Fr 11 - 19.30, Sa/So 11 - 18 h
Messekatalog online, als Buch 10 Euro
www.stuttgarter- antiquariatsmesse.de

25. Antiquaria Ludwigsburg
27. bis 29. Januar in der Musikhalle
Do 15 - 20, Fr 11 - 19, Sa 11 - 17 h
Katalog online und als Buch kostenlos, freiwillige Spende erbeten für „Buchkultur e.V.“
www.antiquaria-ludwigsburg.de

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