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07.02.2012

17:33 Uhr

Antoni Tàpies

Ein einsamer Adler

Antoni Tàpies setzte auf die spirituelle Kraft von Kunst. Seine Werke stecken voller Symbole und Zeichen. Am 6. Februar verstarb der große katalanische Maler und Bildhauer im Alter von 88 Jahren.

Der spanische Künstler Antoni Tàpies im März 2010 bei der Wiedereröffnung der Antoni Tàpies Foundation in Barcelona. dpa

Der spanische Künstler Antoni Tàpies im März 2010 bei der Wiedereröffnung der Antoni Tàpies Foundation in Barcelona.

MadridMit zitternden Knien stieg der Künstler trotz der Krankheit, die seine Sicht und seine Bewegungen immer mehr einschränkte, auch in den letzten Wochen noch häufig in sein Atelier. Er war ein Kämpfer, der es sich auch vom Schmerz nicht nehmen lassen wollte, an seinem Werk weiterzuarbeiten. Etwa 8.000 signierte Arbeiten schuf er im Laufe seiner Karriere. „Es ist sehr wichtig, den Schmerz durch Liebe zu kompensieren, denn dieses Gleichgewicht ermöglicht es, das Leben mit Optimismus zu betrachten,“ sagte Antoni Tàpies noch vor wenigen Monaten, als er den Tod bereits nahen fühlte.

Größter spanischer Künstler neben Picasso

Am 6. Februar verstarb der große katalanische Künstler im Alter von 88 Jahren in seiner Wohnung in Barcelona. Seine Frau Teresa Barba wollte die Nachricht solange wie möglich geheim halten. Die Familie wünschte sich einen ungestörten Abschied, aber am frühen Montagabend musste sie einsehen, dass das unmöglich war und gab den Tod des Malers Kunst bekannt. Tàpies war „der größte spanische Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts neben Picasso“, urteilte Tomás Llorens, Kunstkritiker und langjähriger Mitarbeiter des Madrider Thyssen Museums. Und der ehemalige Leiter des Reina Sofía Museums in Madrid, José Guirao sagte: „Tàpies war einer dieser einsam fliegenden Adler, die Erleuchtung bringen.“

Die Krankheit begleitete Antoni Tàpies in seinen letzten Monaten, die Krankheit war es auch, über die er überhaupt erst zur Kunst gelangte. Mit 18 erkrankte der 1923 Geborene an Tuberkulose. Während der langen Rekonvaleszenz begann er, der eigentlich Rechtsanwalt hatte werden wollen, zu malen. Die Kunst ließ ihn nie wieder los.

Orientierte sich der Autodidakt zu Beginn seiner Karriere am Surrealismus, distanzierte er sich später von dieser Kunstrichtung. „Er beraubte mich meiner Spontanität,“ erklärte er. Antoni Tàpies fand früh zu einer eigenen Sprache. Er experimentierte mit Materialien und Techniken und erweiterte so wesentlich die Sprache der Bildenden Kunst.

Als Bewunderer Joan Mirós beschäftigte er sich stark mit der Ikonographie (Inhaltsdeutung) in der Bildenden Kunst. Seine Werke stecken voller Zeichen und Symbole. „Die Kunst ist eine Quelle des Wissens, wie die Wissenschaft und die Philosophie“, sagte er. „Wenn die Formen nicht in der Lage sind, die Gesellschaft zu verletzen, sie zu irritieren, sie zum Meditieren anzuhalten, handelt es sich nicht um Kunstwerke.“

Unter Franco im Gefängnis

Zeitlebens stand der Maler und Bildhauer für seine Überzeugungen ein. Stets beschäftigten ihn die Ungerechtigkeiten in der Welt. Unter der Francodiktatur kam er kurzfristig sogar ins Gefängnis. In seiner Heimat Katalonien unterzeichnete er einen Aufruf zur Abschaffung des Stierkampfes. Seine Madrider Galeristin, Elvira González bezeichnete ihn als „den Leuchtturm“ der zeitgenössischen spanischen Kunst und hob besonders die Facette des intellektuellen Denkers in Tàpies Persönlichkeit hervor.

Obwohl der Künstler es sich und seinem Publikum nie leicht machte, erntete Antoni Tàpies schon früh Erfolge. In den fünfziger Jahren ging er mit einem Stipendium nach Paris und lernte dort Picasso kennen, mit dem ihm eine Freundschaft verband. Über 50 Auszeichnungen erhielt er im Laufe seiner Karriere, darunter 1990 den Prinz von Asturien-Preis, die spanische Variante des Nobelpreises. Drei Jahre später ehrte ihn die UNESCO mit der Picasso Medaille.

Der Maler und Bildhauer freute sich über die vielen Auszeichnungen, und vielleicht auch über die hohen Preise, die seine Werke auf Versteigerungen erzielten. 2006 wurden für sein 1963 geschaffenes Gemälde auf Leinwand „Architektur“ bei Christie’s in London 400.000 Pfund gezahlt. Arbeiten auf Papier erzielten im Jahr zuvor bei Etude Cornette de Saint Cyr in Paris zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Wirklich wichtig waren Antoni Tàpies solche Zahlen aber nie. Er fühlte sich zu den Mystikern hingezogen, zum Zen-Buddhismus und zum Hinduismus und beklagte sich oft darüber, dass „es inmitten dieses Chaos der modernen Gesellschaft anziehender ist, vom Geld zu reden und von Rekordzahlen anstatt von der spirituellen Nachricht, die der Künstler vermitteln möchte.“

Von

Angelika Stucke

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