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23.03.2017

10:19 Uhr

„Apple intern“

Der faule Apfel

VonMilena Merten

Daniela Kickl hat drei Jahre lang in Apples Europazentrale in Irland gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen entsprachen nicht dem Traumjob, den sie sich vorgestellt hatte. In einem Buch rechnet sie mit ihrem Ex-Arbeitgeber ab.

Der Technologieriese ist für viele ein Traumarbeitgeber. AP

Apple

Der Technologieriese ist für viele ein Traumarbeitgeber.

DüsseldorfApple ist das wertvollste Unternehmen der Welt. Der Technologiekonzern mit dem Logo des angebissenen Apfels zieht zehntausende IT-Begeisterte weltweit an. Für sie ist Apple ein Mythos, ein Traum-Arbeitgeber. Arbeiten bei Apple, so glauben viele, muss aufregend und kreativ sein.

So dachte auch Daniela Kickl. Die Mittvierzigerin befand sich 2014 in einer Sinnkrise und suchte nach einem neuen Job. Kurzum zog sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern von Österreich ins irische Cork, um in der europäischen Apple-Zentrale zu arbeiten. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun, Teil von etwas sein, das die Welt in einen besseren Ort verwandelt“, schwärmt sie in ihrem Buch „Apple intern“. Kickls Aufgabe als technische Beraterin war es, Fragen von Kunden zu beantworten, die Probleme mit ihrem iPhone haben. Nach einigen Wochen stellte sie enttäuscht fest, dass das Apple-Callcenter nicht der innovative und kreative Ort ist, den sie sich vorgestellt hatte. Drei Jahre arbeitete sie dort – der Standort der Europa-Zentrale Hollyhill wurde für sie zur „Hollyhell“.

Kickl hat sich entschieden, ihre Erfahrungen in einem Enthüllungsbuch mit der Welt zu teilen. Sie sieht sich dabei in der Tradition von Edward Snowden. Pathetisch zitiert sie zu Beginn einen Queen-Songtext: „Horch, was Menschen anderen Seelen antun. Sie nehmen ihr Leben, rauben ihnen die Ziele“. Den Hang zum Pathos verliert sie auch danach nicht, die ersten Seiten ihres tagebuchartigen Erlebnisberichts lesen sich wie eine Apple-Werbebroschüre: Kickl schwärmt von den Ideen des verstorbenen Firmengründers Steve Jobs, einer „perfekt organisierten“ Einarbeitung für die neuen Mitarbeiter und Begrüßungsgeschenken.

Kickls Buch ist im edition a-Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.

"Apple intern"

Kickls Buch ist im edition a-Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.

Doch langsam bekommt die ideale Apple-Welt Risse: Die Tage der Callcenter-Mitarbeiter sind streng durchgetaktet. Jeder darf am Tag höchstens acht Minuten aufwenden, um zur Toilette zu gehen. Die Leistung der Mitarbeiter dokumentieren verschiedene Kennzahlen, etwa die Bearbeitungszeit pro Kunde. „Für schlechte Werte mussten wir uns jede Woche in Einzelgesprächen mit unserem Vorgesetzten rechtfertigen“, sagt die Autorin im Gespräch mit dem Handelsblatt. Nicht erreichte Ziele und „Vorfälle“ könnten Sanktionen nach sich ziehen. „Apple wertet jeden Nicht-Arbeitsantritt als „Vorfall“ – egal, ob die Mitarbeiter krank sind, einen Unfall auf dem Weg zur Arbeit hatten oder schlicht zu spät kommen“, schreibt Kickl. Ein Kollege erhalte zur Strafe für zu viele Vorfälle ein halbes Jahr lang keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Doch auch die Bitte, ihren Schreibtisch leerzuräumen, empfindet Kickl als „unmenschlich“. Sie behauptet außerdem, Apple überwache das Social-Media-Verhalten seiner Mitarbeiter: „Meine Vorgesetzte kritisierte mich dafür, dass ich mich in einem internen Mitarbeiter-Chat einer Kollegin gegenüber unfreundlich verhalten habe.“

Die Österreicherin ist überzeugt, dass dieses Überwachungssystem nicht nur ein Apple-Problem ist. „Auch wenn solche Methoden offenbar in vielen Firmen zum Standard geworden sind, sind sie dennoch falsch.“ Sie verschickt Beschwerden an Apple-Manager und wird mit einem Gespräch mit einer HR-Mitarbeiterin abgespeist. Auch die versprochenen Entwicklungsmöglichkeiten bleiben aus. Kickl schildert, wie sich der Stress auf ihre Psyche auswirkt. Sie leidet unter Schlafstörungen, wird zehn Wochen krankgeschrieben. So gehe es vielen Callcenter-Mitarbeitern bei Apple, sagt sie. Auch Gerüchte über Suizid-Fälle kursieren unter den Kollegen. Offenbar fand Kickl trotz allem Stress die Zeit, an ihrem Buch zu schreiben. Anfang März hatte sie ihren letzten Arbeitstag bei Apple – eine Woche vor dem Veröffentlichungstermin.

Apple selbst will sich zu den Vorwürfen von Kickl nicht äußern, ihre Behauptungen lassen sich kaum verifizieren. Doch selbst wenn nur ein Teil wahr ist, verliert Apple ein Stück seines Mythos. Zumindest im Callcenter scheint es so strikt zuzugehen wie bei jeder durchschnittlichen Firma auch.

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