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04.04.2012

17:26 Uhr

Appropriation Art

"Was ist dieses kleine bisschen Mehr?"

VonChristiane Fricke

Sherrie Levine macht freche Kopien nach Fotografien von August Sander. Die Kölner Galeristen Rafael Jablonka und Priska Pasquer konfrontieren die Werke der beiden Künstler. Was Levine und Sander je Eigenes zu erzählen haben, erschließt sich nur dem aufmerksamen Betrachter.

Sherrie Levine: "After August Sander", 2012, 18 Lambda Prints, Auflage 3/6. Levine-Jablonka Pasquer Projects, Köln

Sherrie Levine: "After August Sander", 2012, 18 Lambda Prints, Auflage 3/6.

Köln„Voor beeldende kunst moet je kunnen kijken“. Der Satz ist so einfach und gut, dass man ihn nicht vergisst. Formuliert hat ihn vor rund vier Jahrzehnten der niederländische Künstler Jan Dibbets. Jetzt fällt er einem wieder ein. Anlass sind die auf den ersten Blick frechen Kopien von Fotografien August Sanders durch Sherrie Levine. Die amerikanische Künstlerin, Jahrgang 1947, befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Aneignung vorbildlicher Werke der Fotokunst; eine Form künstlerischer Auseinandersetzung, die in die Kunstgeschichte als „Appropriation Art“ eingegangen ist.

Zu besichtigen ist Levines neue Serie bei Jablonka Pasquer Projects in Köln. Die Ausstellung hat das Zeug zum Lehrstück. Denn Rafael Jablonka und Priska Pasquer nutzen darüber hinaus ihre eigenen Galerieräume, um den authentischen Bildern August Sanders (1876-1964) und weiteren Werken Levines zum Auftritt zu verhelfen. So kann der aufmerksame Betrachter vergleichen und im Sinne von Dibbets das „Kijken“ bzw. „Sehen“ lernen.

Angeeignete Bilder

Levines 18-teilige Serie „After August Sander“ hängt bei Jablonka Pasquer Projects; die damit korrespondierende Gruppe von 36 Sander-Fotografien bei Jablonka nebenan. Aus diesem von Sanders Sohn Gunther abgezogenen und zu einem späteren Zeitpunkt von August Sanders Enkelsohn Gerd Sander unter bestimmten formalen und inhaltlichen Kriterien zusammengestellten Konvolut wählte die Künstlerin aus. Zugrunde liegt Sanders unvollendetes, epochemachendes Porträtwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“.

Die „Aneignung“ von Sander hat also pikanterweise mehr als nur eine Dimension. Denn Levine benutzt nicht einfach zu Lebzeiten von Sander abgezogene oder zumindest authorisierte „Originale“. Sie stützt sich auf Bilder, die bereits den Status des „Angeeigneten“ besitzen. Gerd Sander, der das Material für diesen Zweck in dieser von ihm so gesehenen Konstellation zur Verfügung stellte, spielt das Spiel also mit. Und damit eröffnet diese Ausstellung auch ein Fenster auf all jene Überlegungen, die um die Authentizität fotografischer Abzüge und um Umgangsweisen mit künstlerischen Nachlässen kreisen.

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