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27.05.2011

20:10 Uhr

Art-Angel

Wie man risikoreiche Kunst produziert

VonMatthias Thibaut

Ob das in Beton gegossene Haus oder eine mit Kupfersulfat vollgepumpte, leere Sozialwohnung - mit seinen Installationen verlässt das risikofreudige Kunstprojekt Art-Angel die heimeligen Gefilde von Museum und Galerie.

Jem Finer: 1000 Jahre wird in "Longplayer" nach dem Lauf der Planeten Musik gemacht: live und maschinell. Quelle: Artangel / Photo by Bruce Atherton & Jana Chiellino

Jem Finer: 1000 Jahre wird in "Longplayer" nach dem Lauf der Planeten Musik gemacht: live und maschinell.

LondonEs sprach sich schnell herum, die Schlangen wurden länger. Kunstfreunde schoben sich an verbretterten Wänden eines leerstehenden Blocks mit Sozialwohnungen vorbei, durch einen Innenhof voll nassem Herbstlaub. Nach über einer Stunde Wartens durften sich jeweils vier Besucher Gummistiefel anziehen und in die leere Wohnung vordringen, die der Künstler Roger Hiorns erst mit 90.000 Liter Kupfersulfatlösung geflutet und dann wieder leergepumpt hatte.

„Es war eine simple Idee, extrem schwer umzusetzen“, beschreibt Michael Morris die Installation „Seizure“, zu der Art-Angel neugierige Londoner in das Abrissgebäude bei der Tower Bridge lockten. Es war auch ein typisches Art-Angel-Projekt. „Wir versuchen, mit ungewöhnlichen Künstlern ungewöhnliche Kunstwerke zu entwickeln, die in Bezug zu ganz bestimmten Orten stehen und die es sonst nicht geben würde“, fasst Morris die Grundidee zusammen.

„Seizure“ war eine solche Konstellation des Unvermuteten. Kupferkristalle hatten Decken, Wände, Böden der Wohnung überzogen und leuchteten nun in allen Blautönen im Licht nackter Birnen. Als würde man „Neptuns Grotte auf dem Meeresboden“ betreten, schrieb ein Kritiker. Eine unbändige Naturkraft war dabei, den verlassenen Wohnblock zurückzuerobern.

„Wir fangen bei jedem Projekt von vorn an. Jedes ist anders. Aber immer ist es eine Reise mit ungewissem Ziel.“ Morris, sitzt zwei knarrende Treppen hoch im Haus einer ehemaligen Orgelbaufirma in Clerkenwell an einem Fichtentisch, an der Wand bis zur Decke Regale mit Ordnern – das einzig wirklich Fassbare, was von Art-Angels vielen Projekten übrig geblieben ist.

Lockenkopf Morris und der asketischere Ko-Direktor James Lingwood sind keine Künstler, keine Galeristen, keine Sammler, keine Museumskuratoren, auch keine Mäzene, „wir sind einfach Kunstproduzenten“. Der Vergleich mit unabhängigen Theater- oder Filmproduzenten wäre nicht ganz falsch, aber Art-Angel als gemeinnützigem Verein geht es nicht um Geld und Wertschöpfung, sondern darum, „das Potenzial neuer Ideen zu entfalten“.

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