Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2011

08:54 Uhr

Art & Fashion

Sex Clown in rotem Latex

VonChristiane Fricke

Modedesign im 21. Jahrhundert verspricht Abenteuer. Die Grenze zwischen Fetisch, Kunstwerk und Ware ist uneindeutig. Das Wolfsburger Kunstmuseum erkundet, wo sich Mode- und Kunstwelt berühren.

Blick in die Ausstellung "Art & Fashion" im Kunstmuseum Wolfsburg mit Christophe Coppens' "Deer Cape" aus der Dream Your Dream collection, Winter 2005 und seinem "Körperhut" von 2004 in aktualisierter Version von Mai 2009 (Slg. Christophe Coppens), Brüssel und rechts Walter Van Beirendoncks und Stephen Jones' "The Bee" aus der Sex Clown collection Sommer 2008 (Slg. Boijmans Van Beuningen). Quelle: Claudia Mucha 2011

Blick in die Ausstellung "Art & Fashion" im Kunstmuseum Wolfsburg mit Christophe Coppens' "Deer Cape" aus der Dream Your Dream collection, Winter 2005 und seinem "Körperhut" von 2004 in aktualisierter Version von Mai 2009 (Slg. Christophe Coppens), Brüssel und rechts Walter Van Beirendoncks und Stephen Jones' "The Bee" aus der Sex Clown collection Sommer 2008 (Slg. Boijmans Van Beuningen).

Wolfsburg Endlich Brusthaar! Unmöglich, was alles möglich ist, zum Beispiel mit dem hautfarbenen, enganliegenden Shirt von Walter van Beirendonck. Es zaubert eine hinreichende Menge dunkler maskuliner Haare auf Brust und Bauch seines Trägers und vergisst selbst das Goldkettchen nicht. Der belgische Modekünstler weiß, wie er das erotisch attraktive Kostüm der Nacktheit in Schneiderkunst übersetzt. Er hat eine Schwäche für Fetische. Das zeigt auch das Bienen-Outfit der Kollektion Sex Clown (2008). Etwas abschreckend wirkt das phallische Erkennungszeichen der Kollektion, ein rüsselartiger Hut, das Kontribut des Hutmachers Stephen Jones. Dagegen trumpfen van Beirendoncks Strumpfhosen und Handschuhe aus rotem Latex auf.

Lieber Schaubühne als Musentempel

Ort des grenzwertigen Geschehens ist das Kunstmuseum in Wolfsburg, seit seiner Gründung als Kundschafter der Moderne im 21. Jahrhundert unterwegs. Mit seiner „Art & Fashion“-Schau, die es vom Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam teilweise übernommen hat, beweist es einmal mehr, dass es lieber Schaubühne als stiller, abgeschlossener Musentempel sein will. Ein breites Publikum will das von einer privaten Stiftung getragene Haus ansprechen und die Mode nicht ausschließen. Ganz im Sinne eines Dialogs der Kulturen und Disziplinen, dem sich Direktor Markus Brüderlin verschrieben hat.

„Wir brauchen die Mode im Museum“, behauptet Brüderlin. „Die Mode, also die Kunst der Kleidung, ist eine Kunst, die so nah am Körper agiert, dass man sie oft nicht mehr als etwas von außen wahrnimmt.“ Deshalb sollten wir ihr jenes Maß an Fremdheit gestatten, das ihr als Aussage über unsere Kultur und uns selbst zukommt, findet er. Selbstverständlich gehört für Brüderlin die Mode zu den ästhetischen Ideen der Moderne.

Futuristische Stimmungs-Westen

Bereits 1999 widmete sich Wolfsburg der Mode und sondierte die historischen Verbindungen zwischen Kunst und Mode. Kleider wie Kunstwerke erfinden Modedesigner bereits seit Charles Frederick Worth (1826-1895), der erste Modeschöpfer, der mehr Künstler als Handwerker war. Später entwirft der italienische Futurist Giacomo Balla Westen, die Stimmungen zum Ausdruck bringen; der russische Konstruktivist Alexander Rodtschenko entwickelt Arbeitskleidung für die neue klassenlose Gesellschaft und die französische Malerei Sonia Delaunay führt ein eigenes Modehaus in Paris.

Einen Schrecken jagt Louise Bourgeois mit ihrem unbetitelten Fell-Kopf (2001) ein. Louise Bourgeois/VG Bild-Kunst/Privatsammlung, Courtesy of Hauser & Wirth and Cheim & Read Quelle: © Louise Bourgeois Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Einen Schrecken jagt Louise Bourgeois mit ihrem unbetitelten Fell-Kopf (2001) ein. Louise Bourgeois/VG Bild-Kunst/Privatsammlung, Courtesy of Hauser & Wirth and Cheim & Read

„Art & Fashion. Zwischen Haut und Kleid“ erkundet, was die Grenzgänger zwischen Mode- und Kunstwelt des frühen 21. Jahrhunderts hervorbringen, insbesondere wenn sie nichtkommerzielle Projekte verfolgen. Sie provozieren, schockieren, animieren, stimmen nachdenklich oder bringen zum Lachen, genauso wie die von Brüderlin sogenannten „reinen“ Künstler. Die mit einem Haarschopf statt mit Borsten ausgestattete „Haarbürste“ der Gruppe Bless erzeugt ein ähnliches Unwohlsein wie der vollständig mit rosa Plüsch bezogene Kopf von Louise Bourgeois. Charlie Le Mindu verwandelt den Träger seiner Perückenskulptur „Ram’s Head Lux“ in ein dunkellockiges wildes Tier.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×