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06.11.2015

12:02 Uhr

Artissima

Aufführung mit Drohnen

VonEva Clausen

Die Artissima in Turin ist zwar eine Messe und damit dem Markt verpflichtet. Zugleich zeichnet die Verkaufsplattform für zeitgenössische Kunst jedoch ein eindringliches Spiegelbild gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Das gilt namentlich für das inzwischen etablierte Performanceprogramm.

Still aus „Rudiments“, einem zwölfminütigen Video des Künstlerduos Adam Broomberg & Oliver Chanarin. In der Hauptrolle Kinder, die in einem Kadettencampus exerzieren. Quelle: Galerie Lisson

Messekoje mit Videokunst

Still aus „Rudiments“, einem zwölfminütigen Video des Künstlerduos Adam Broomberg & Oliver Chanarin. In der Hauptrolle Kinder, die in einem Kadettencampus exerzieren. Quelle: Galerie Lisson

TurinWer an diesem Wochenende die Turiner Kunstmesse „Artissima“ besucht, sollte, bevor er den Lageplan der Kojen studiert, einen Blick auf den „Bühnenplan“ werfen. Zwölf Performances stehen im Programm, und für viele der Darbietungen dürfte der vorgesehene Raum eingangs der Messehalle rechts im Zweifelsfall nicht genügen. Die Sektion „Per4M“ erfreute sich schon bei ihrer Premiere im vergangen Jahr großer Beliebtheit.

Am Freitag um 15 Uhr zeigt die Hamburger Künstlerin Annika Kahrs in ihrer bereits mehrfach aufgeführten Performance „Strings“, wie labil vermeintlich feste Strukturen sind. Vier Kammermusiker interpretieren das Streichquartett Opus 18, Nr. 4 C-Moll von Ludwig van Beethoven. Doch die anfängliche Harmonie findet bald ein Ende, denn nach jedem Satz lässt Kahrs die Musiker den Platz und das Instrument mit dem rechten Nachbarn tauschen. Mit jedem Platztausch wächst die Verunsicherung und mit ihr der Missklang. Das 8:20 Minuten lange Video einer früheren Strings-Performance kostet bei der Hamburger Produzentengalerie 13.000 Euro. Es ist das letzte Exemplar von fünf.

Das Beängstigende wird Thema

Musik – wenn auch eher brummende – gibt es auch bei William Hunt, der am gleichen Tag um 19 Uhr für die Galerie Rotwand (Zürich) die Bühne bespielt, beziehungsweise von vier Spielzeugdrohnen bespielen lässt. Gesteuert werden die fliegende Insekten („Quadrocopter“) vom Künstler selbst über ein Schaltpult, das sich in der Mitte der viereckigen Bühne befindet. Noch scheint er Herr über die Wesen zu sein, doch unklar bleibt, wie lange. Das Unheimliche ist eine Konstante in dem Werk des in Düsseldorf lebende Künstlers, von dem die Galerie schon am ersten Tag ein zweiteiliges Gemälde verkaufte: „I had to stopp because I was scared“ (5.200 Euro) verkaufte. Angst machten in dem Fall dem Künstler – im Selbstporträt – die beunruhigende Wogen des Meeres.

Um Autorität und Unterwerfung geht es am Samstag um 18 Uhr in der Performance „Rise“ von Christian Falsnaes, die im Auftrag der Berliner Galerie PSM über die Bühne geht. Wie schon im großen Saal der Berliner Akademie der Künste 2014 (eine Aufzeichnung von 2014 im HD Video 15:15 Minuten kostet 7.000 Euro) wird Falsnaes auch diesmal das Publikum beschwören, betören und mal harsch, mal sanft auf der Bühne selbst ihr Bestes geben. Die Qualität der Performance hängt vom Publikum selbst ab, denn es ist nolens volens das Werk des Künstlers.

Kommentierte Abrichtung

Disziplin und Unterwerfung thematisiert auch „Rudiments“, ein zwölfminütiges Video des Künstlerduos Adam Broomberg & Oliver Chanarin. Es zeigt Jugendliche, fast noch Kinder, die in einem Kadettencampus exerzieren. Zwischen die einzelnen Übungen schieben sich wie beißende Kommentare die Interpretationen eines Clowns in der erschütternd komischen Darstellung der Schauspielerin Hannah Ringham. Das Video ist Teil einer Installation des Duos im Stand der Londoner Galerie Lisson und kostet 40.000 Pfund. Die Galerie nimmt an der Messe in dem Bereich Present Future teil, der in Soloschauen viel versprechende Nachwuchskünstler in den Vordergrund rückt.

In der Sektion Present Future findet man auch den Berliner Galeristen Matthias Arndt, der die Gemälde des philippinischen Künstlers Rodel Tapaya vorstellt. Sühne, Sünde, Opfer sind das Thema des großformatigen „The Sacrifical Lamb“, indem Tapaya in einer eigenwilligen Kosmologie uralte Mythen und moderne Gesellschaftsphänomene zusammenführt. Das Bild kostet 72.000 Dollar.

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