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10.11.2011

15:46 Uhr

Asiatika

Auch Chinesen flüchten in Sachwerte

Das Stuttgarter Auktionshaus Nagel gehört zu den führenden Adressen für asiatische Kunst in Europa. Zur Versteigerung reisen chinesische Sammler in Scharen an. Künftig will Nagel deshalb vier mal im Jahr versteigern.

„Neun-Drachen“-Pilgerflasche aus Porzellan, Qianlong-Periode, 18. Jahrhundert. (Ausschnitt) Nagel

„Neun-Drachen“-Pilgerflasche aus Porzellan, Qianlong-Periode, 18. Jahrhundert. (Ausschnitt)

StuttgartNormalerweise herrscht im Auktionshaus Nagel der schwäbische Tonfall vor. Doch am ersten Novemberwochenende waren hier vor allem Dialekte aus dem Reich der Mitte zu vernehmen. Etwa 200 Interessenten waren zur Asiatika-Auktion aus China angereist. Denn das deutsche Auktionshaus gehört in Europa zu den führenden Adressen, wenn es um chinesische Kunst geht. Für die große Überraschung sorgte eine mit eisenroten Drachen bemalte Pilgerflasche aus der Qianlong-Zeit (18. Jahrhundert). Das Porzellan-Objekt aus süddeutschem Privatbesitz, das wegen einer minimalen Ergänzung am Hals zurückhaltend mit 30.000 bis 50.000 Euro geschätzt wurde, ging für brutto 1,33 Millionen Euro an einen Sammler in Shanghai. Damit konnte der Stuttgarter Versteigerer zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Millionen-Preis für chinesische Kunst erzielen. Insgesamt belief sich der Erlös der Asiatika-Auktion auf beachtliche 17, 5 Millionen Euro, inklusive 33 Prozent Aufgeld.

Bis zu 20 hochpotente Sammler

Dass der Preis für dieses Stück in den mittleren sechsstelligen Bereich hochsteigt, wäre für Michael Trautmann, Asiatika-Experte bei Nagel, nichts Ungewöhnliches gewesen. Schließlich hatte 1995 eine ähnliche Flasche bei Phillips de Pury einen Zuschlag von 350.000 Pfund erzielt. Etwas darüber hörte denn auch die Investitionsbereitschaft des Handels aus London und Hongkong auf. Das Bieterduell wurde letztlich von zwei der reichsten Privatsammlern Chinas bestritten.

Nagel hat damit zum zweiten Mal in diesem Jahr die Millionengrenze durchbrochen. Im Frühjahr wurde hier für 1,3 Millionen Euro ein kaiserlicher Tisch aus dem ehemaligen Besitz des Leibarztes des letzten chinesischen Kaisers versteigert. Wiederholen ließ sich der Erfolg mit den Stücken der Herbstofferte nicht. „Die Möbel-Euphorie vom Frühjahr ist weg“, erläuterte Michael Trautmann gegenüber dem Handelsblatt. Der Kreis der hochpotenten Interessenten umfasse lediglich 15 bis 20 Sammler. Wenn deren Bedarf gesättigt sei, flache der Markt ab.

Unersättlich zeigen sich hingegen chinesische Sammler weiterhin in Bezug auf Porzellan. Mit einem Erlös von 345.500 Euro, dem Fünffachen der unteren Taxe, sicherte sich der Käufer der Drachenvase einen seltenen Satz von kaiserlichen Weinbechern aus der Qianlong-Periode. Von geschätzten 100.000 Euro auf 252.000 Euro wurde eine große kaiserliche Vase mit sogenannter „Ru“-Glasur gesteigert; eine limonengrüne Teekanne mit Jiaqing-Marke (1796-1820) kletterte von 90.000 Euro Taxe auf brutto nicht ganz 200.000 Euro.

Selbst jüngere Porzellane scheinen neuerdings umkämpft zu sein. Eine relativ hohe Blanc-de-Chine-Figur aus dem frühen 20. Jahrhundert mit der Signatur von Xu Youyi, einem führenden Keramiker in der Porzellanhochburg Dehua, wechselte erst bei 232.000 den Besitzer.

Blick in den Auktionssaal bei der "Neun-Drachen"-Pilgerflasche der Quianlong-Periode bei Nagel in Stuttgart im November 2011. Nagel

Blick in den Auktionssaal bei der "Neun-Drachen"-Pilgerflasche der Quianlong-Periode bei Nagel in Stuttgart im November 2011.

Einlieferungen zur Hälfte aus Deutschland

Auch diese Auktion, die eine wertmäßige Verkaufsquote von 152 Prozent vorweisen kann, bestätigt den Trend, dass europäische Sammler kaum noch zum Zuge kommen. Der Anteil chinesischer und taiwanesischer Käufern betrug 95 Prozent. Lediglich ein deutscher Sammler konnte sich bei den kaiserlichen Porzellanen gegen die exorbitante Investitionslust aus Asien durchsetzen. Für brutto 340.000 Euro bekam er den Zuschlag für einen kaiserlichen Teller mit Gardenien-Dekor, deutlich mehr als die Taxe von 150.000 bis 250.000 Euro. Für 332.500 Euro oder das Doppelte der unteren Taxe sicherte er sich außerdem eine mintgrüne Vase mit Yongzheng-Marke aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aufschlussreich der Blick auf die Einlieferer: 50 Prozent der mehr als 2.000 angebotenen Kunstwerke stammten aus deutschen Sammlungen.

Investition in Gemälde

Die Zahl der Chinesen, die Kunst als eine Form der Geldanlage betrachten, scheint auch in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit zu wachsen. „Die Käufer der Gemälde“, so Michael Trautmann, „waren fast alle neue Kunden unseres Hauses“. Am stärksten gefragt war erwartungsgemäß die Malerei des modernen Traditionalisten Qi Baishi. Die von ihm angebotenen fünf Hängerollen brachten allein 1,1 Millionen Euro. Teuerste Qi-Arbeit wurde mit einem Erlös von 359.000 Euro eine „Rote Pflaumenblüte und Elster“ von 1951.

Ab nächstem Jahr, so kündigt Nagel an, werde man in Stuttgart vier Mal im Jahr statt bisher zwei Mal asiatische Kunst versteigern. Um, so Michael Trautmann, terminlich flexibler mit den Einlieferungen umgehen zu können. Aber wohl auch, um den Takt zwischen Akquise und Auktion zu verkürzen.

Von

Sabine Spindler

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