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07.01.2005

03:11 Uhr

Auf die andere Seite der Welt führt in Dieter Fortes bewegendem Roman die Reise eines jungen, lungenkranken Mannes. In ein Sanatorium der Nachkriegszeit, das mit seinem Geruch nach Desinfektionsmitteln, dem Linoleumboden und den Eisenbetten beileibe kein mondänes Zauberbergflair verbreitet.

"Da wartet man nun auf den Tod" - mit diesen Worten leitet sein Bettnachbar seine nächtlichen Erzählungen ein. Vom Flüchtlingsschiff in der eisigen Ostsee, versenkt von einem Torpedo. Von der Flucht vor den Russen, auf der er einen Kameraden erschlug wegen einiger Karnickel, "denn wer die im Bauch hatte, der lebte ein paar Tage länger".

Doch für den jungen Mann ist der Inselfriedhof noch nicht das letzte Lebensziel, er verlässt die Toteninsel und kehrt zurück in seine Heimatstadt. Mit dem Blick des Außenseiters entzaubert der Roman eine Welt, in der die Menschen vor den Furien der Erinnerung an den Krieg fliehen und die "neue deutsche Frau, schaumgeboren aus Persil, weiß, rein und unbefleckt" die Bühne betritt. Es werden die Konturen einer Gesellschaft sichtbar, die dominiert wird von Lebenden ohne Gedächtnis, in der das kollektive Beschweigen der Vergangenheit Konsens ist. Trotz dieses rabenschwarzen Blicks auf die Wirtschaftswunderära ist die Romanlektüre beileibe keine nachträgliche Bußübung. Denn Forte entziffert den seelenlosen Materialismus der Nachkriegszeit als Reflex auf die geschichtliche Katastrophe.

Doch nicht nur der Totentanz der Sterbenden im Sanatorium wird mit Witz und Zartgefühl dargestellt, auch den Verwirrten und Widerspenstigen, den Zaungästen der Operation Wirtschaftswunder, gibt der Roman eine Stimme und begleitet sie auf ihren Exkursionen ins gesellschaftliche Abseits. Nur die exterritorialen Inseln der Kunst verheißen einen Neuanfang. Doch der Violinschlüssel ist nicht der Schlüssel zu einer Welt, in der die Ökonomie den Takt angibt.

Mit großer Suggestionskraft erzählt Forte vom Sprung in die Gedächtnislosigkeit, vom Siegeszug der Traumverkäufer der Werbung und von der Karriere des Ratenkredits, ohne seine Figuren zu denunzieren - ein Plädoyer für das Vernachlässigte, für die Traumatisierten und auf der Strecke Gebliebenen, denen das Treibhausklima die Luft zum Atmen genommen hat.

Der Roman wirft jedoch nicht nur einen wehmütig-resignativen Blick auf die Anfänge der Bundesrepublik, sondern artikuliert auch das Unbehagen am Siegeszug der Hohepriester der Rentabilität in den Zeiten der Globalisierung und schärft das Bewusstsein für die gesellschaftlichen Verluste. Wenngleich der Blick auf die Nachkriegsgesellschaft nicht immer den Fallen des Klischees entgeht, lohnt es sich, dem Imperativ einer bekannten Fernsehsendung zu folgen: "Lesen!"

DIETER FORTE: Auf der anderen Seite der Welt, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2004, 343 Seiten, 19,90 Euro

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