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31.01.2007

13:56 Uhr

Auf unbestimmte Zeit verschoben

Nobelpreisträger Pamuk sagt Deutschlandreise ab

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk („Istanbul“) hat aus Angst vor Attentaten eine Deutschlandreise kurzfristig abgesagt. Im Zusammenhang mit dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink ist auch er bedroht worden. Offensichtlich nimmt nicht nur er diese Drohungen ernst.

Wie der ermordete türkisch-armenische Journalist Hrant Dink thematisiert auch Orhan Pamuk den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Foto: dpa

Wie der ermordete türkisch-armenische Journalist Hrant Dink thematisiert auch Orhan Pamuk den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Foto: dpa

HB MÜNCHEN/ISTANBUL. Eine Sprecherin des Hanser-Verlags in München erklärte am Mittwoch, Pamuk habe ohne Angabe von Gründen seine Lesereise kurzfristig gestrichen und auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Verlag bedauere es sehr, respektiere aber seine Entscheidung und hoffe, dass die Lesereise sehr bald nachgeholt werden könne.

Pamuk war wegen seines Engagements zur Aufklärung des Genozids der Armenier im Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs immer wieder von türkischen Nationalisten angefeindet worden. Nach einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers“ (Mittwoch) sehe sich Pamuk nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink konkret gefährdet. Die Auftritte in Berlin, Köln, Hamburg, Stuttgart und München wurden gestrichen.

Am Freitag sollte der 54 Jahre alte Pamuk („Schnee“) in Berlin die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten. Das Präsidium und der Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften bedauerten die Absage „außerordentlich und bitten die Medienvertreter und die interessierte Öffentlichkeit um Verständnis“. Die Ehrung sei verschoben. Eine für diesen Sonntag am Berliner Ensemble geplante Matinee soll aus Solidarität mit dem Autor auch ohne Pamuk stattfinden.

Nach Expertenansicht gilt nicht das Ziel Deutschland als Risiko, sondern Reisen überhaupt. Der mutmaßliche Drahtzieher des Mordes an Dink hatte am vergangenen Mittwoch vor einem türkischen Gericht gedroht: „Orhan Pamuk, seien Sie klug.“ Wie der auf offener Straße erschossene Dink wird auch Pamuk von türkischen Nationalisten angefeindet. Nach kritischen Äußerungen zum türkischen Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg war der Autor wegen „Beleidigung des Türkentums“ angeklagt worden. Der Prozess gegen Pamuk war Anfang vergangenen Jahres eingestellt worden.

Im Untergrund wie einst Autor Salman Rushdie lebt Pamuk nicht. Erst kürzlich war er bei einer Buchmesse in Kairo. Bei der Rückkehr nach Istanbul vergangenen Freitag fiel auf, dass er vom Flughafen ab begleitet wurde. Das scheint dafür zu sprechen, dass die türkischen Sicherheitsbehörden die Bedrohungen gegen ihn ernst nehmen.

In der Öffentlichkeit hatte sich Pamuk zwei Tage nach dem Journalistenmord gezeigt, als er der Familie einen Beileidsbesuch abstattete. „In gewissem Sinn sind wir alle für seinen Tod verantwortlich“, hatte er dort gesagt: „Besonders aber diejenigen, die den Paragrafen 301 (Verunglimpfung des Staates und Beleidigung der Türkentums) verteidigen und daran festhalten wollen.“ Dink sei wegen seiner Gedanken ermordet worden, „wegen seiner Gedanken, die unser Staat nicht akzeptiert“.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, zeigte sich erschüttert von der Absage. Die türkische Regierung müsse alles für Pamuks Sicherheit tun. Der umstrittene Paragraf der „Beleidigung des Türkentums“ müsse gestrichen werden.

Der Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums, Johano Strasser, äußerte Verständnis für Pamuks Entscheidung. Die Drohung sei ernst zu nehmen, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Auch in Deutschland gebe es unter den Türken militante Nationalisten.

Der Schriftsteller Ralph Giordano rief die muslimische Gemeinschaft in Deutschland zu Solidarität mit Pamuk auf und zu Protesten gegen die Morddrohungen. „Die Muslime in Deutschland müssen nun glaubwürdig und nachhaltig dokumentieren, dass ihnen Freiheit und Menschenwürde am Herzen liegen, und dass der Terror, der aus dem Islam kommt, auch ihr Feind ist“, sagte Giordano dem „Kölner Stadt- Anzeiger“.

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