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21.12.2011

20:51 Uhr

40 Jahre „Ärzte ohne Grenzen"

Ärzte in den Krisen der Welt

Seit 40 Jahren arbeitet ein internationales Netzwerk von freiwilligen Ärzten daran, bedürftigen Menschen zu helfen. Die Lage vor Ort ist oft schockierend - doch ohne „Ärzte ohne Grenzen“ wären viele ausgeliefert.

Manchmal ist es nur eine Spritze, die die Ärzte verabreichen müssen, um den Menschen zu helfen. dapd

Manchmal ist es nur eine Spritze, die die Ärzte verabreichen müssen, um den Menschen zu helfen.

BerlinManchmal hängt eine Schlange in der Dusche. Doch das ist für den Berliner Chirurgen Volker Herzog eine Kleinigkeit, an die er sich bei seiner Arbeit in Afrika gewöhnt hat. Sein Job für „Ärzte ohne Grenzen“ aber ist für Herzog nie zur Routine geworden. 27 Mal ist er für die Hilfsorganisation, die am 21. Dezember 40 Jahre alt wird, als Chirurg in die ärmsten Länder Afrika gereist.

Ein Abenteuerer ist Herzog nicht, Geld bekommt er für seine Einsätze kaum, nur eine Aufwandsentschädigung. Doch es gibt etwas, das ihm viel mehr wert ist: Die Freude am Helfen. „Ich kriege mehr zurück als ich gebe“, sagt er.

1998 hat Herzog, erfahrener Arzt an deutschen Kliniken, zum ersten Mal seinen Jahresurlaub zusammengelegt. Er ging als Kriegschirurg nach Afrika. Es gibt schreckliche Bilder, die sich eingebrannt haben. „In Sierra Leone haben sie Kindern die Hände abgehackt. Das war furchtbar“, erinnert er sich. Doch Herzog kehrte zurück: Liberia, Kongo, Äthiopien, Elfenbeinküste, Zentralafrikanische Republik.

Heute ist Herzog 67, ein hagerer, nachdenklicher Mann mit weißem Bart. Er ist früher in Rente gegangen, um nur noch als „Arzt ohne Grenzen“ zu arbeiten. Denn in Afrika begegnete er einem Leiden, das in Europa kaum jemand kennt: Geburtsfisteln. Sie treffen hunderttausende junger Frauen, die zu lange in den Wehen liegen. Das Kind bleibt im Geburtskanal stecken, das Gewebe dort stirbt ab und es entstehen röhrenartige Verbindungen Richtung Blase oder Darm.

Für die Mütter ist das eine Katastrophe. Ihr Baby stirbt. Wenn sie die Geburt überleben, dann um den Preis unbeherrschbarer Inkontinenz. „Diese Frauen stinken ständig nach Urin oder Kot. Es ist unmöglich, mit ihnen zusammenzuleben“, sagt Herzog. Deshalb würden sie von Ehemännern und Familien verstoßen und wie Aussätzige an die Ränder ihrer Dörfer verbannt. „Sie haben keine Lobby. Ihr einziges Verbrechen ist, dass sie ein Kind bekommen haben“, sagt Herzog.

Das hat ihm keine Ruhe gelassen. Es ist auch für erfahrene Chirurgen nicht einfach, Geburtsfisteln zu operieren. Doch Herzog hat die Technik nach und nach in Afrika gelernt. „Ich habe mir immer gesagt: Irgendwann wirst du das machen“, erinnert er sich. Das war vor fünf Jahren. Heute sind Geburtsfisteln wie seine private Mission.

Gerade ist Herzog nach drei Monaten aus dem ostafrikanischen Burundi zurückgekehrt. In die Freude über 150 junge Frauen, die singend in ein gesundes Lebens aufgebrochen und zu ihren Familien zurückgekehrt sind, mischt sich Trauer. Zwei Patientinnen sind gestorben.

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