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06.05.2016

10:44 Uhr

Mein Handelsblatt (2)

Ein Interview und der Tag, an dem das Pfund starb

VonWerner Benkhoff

Im Jahr 1992 führte Werner Benkhoff für das Handelsblatt ein Interview mit Bundesbankchef Helmut Schlesinger. Und erschütterte Großbritannien und das britische Pfund in seinen Grundfesten. Der Autor erinnert sich.

Wie ein Handelsblatt-Interview britische Träume zerstörte. dpa

Der „Tag an dem das Pfund starb“

Wie ein Handelsblatt-Interview britische Träume zerstörte.

DüsseldorfAn dieser Stelle möchte ich gern eine Geschichte erzählen, die zwar schon fast 24 Jahre zurückliegt, in der ich aber als Journalist nicht wie üblich nur der Zuschauer, sondern ausnahmsweise selbst ein wichtiger Akteur war, wenn auch nur in einer Nebenrolle.

Ein Zeitungsinterview, das ich im September 1992 mit dem damaligen Bundesbankchef Helmut Schlesinger führte, brachte temporär das europäische Festkurssystem EWS ins Wanken und zerstörte britische Hoffnungen auf eine exquisite Stellung in der europäischen Währungslandschaft.

Die schwierige Beziehung der Briten zu Europa

Mit einem Fuß außerhalb der EU

Die Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union waren nie einfach. Der konservative britische Premierminister David Cameron will bei einer Wiederwahl 2017 ein Referendum über den Verbleib in der EU ansetzen – und vorher das Verhältnis des Königreichs zu Brüssel neu verhandeln. Geprägt von tiefem Misstrauen gegenüber Europa setzte Großbritannien in der Vergangenheit wiederholt Sonderregeln durch - und steht traditionell mit einem Fuß außerhalb der EU.

Briten-Rabatt (1)

Da Großbritannien zwar viel in den EU-Haushalt einzahlte, aber kaum von den milliardenschweren Agrarhilfen profitierte, forderte die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1979: „I want my money back!“ („Ich will mein Geld zurück!“) Die „Eiserne Lady“ setzte dann 1984 eine Rabatt-Regelung für ihr Land durch, nach der Großbritannien 66 Prozent seines Nettobeitrags an die EU zurückerhält.

Briten-Rabatt (2)

Der Rabatt besteht bis heute, obwohl er immer wieder den Unmut anderer EU-Länder erregt, da sie nun den britischen Anteil mittragen müssen. Doch abgeschafft werden kann die Regel nur, wenn London zustimmt.

Reisefreiheit

Wer von Deutschland nach Frankreich, Österreich oder in die Niederlande reist, muss dafür seinen Pass nicht vorzeigen. Großbritannien-Urlauber sollten den Pass jedoch dabei haben: Die Briten haben sich nicht dem Schengen-Abkommen angeschlossen, das den EU-Bürgern Reisefreiheit von Italien bis Norwegen und von Portugal bis Polen garantiert.

Innen- und Justizzusammenarbeit

Seit der EU-Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, kann Großbritannien wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Zudem erwirkte die britische Regierung den Ausstieg aus 130 Gesetzen aus der Zeit vor dem Lissabon-Vertrag. Im Dezember 2014 stieg London dann bei rund 30 Regelungen wieder ein, darunter beim Europäischen Haftbefehl. Diese „Rosinenpickerei“ nervt im Rest der EU viele.

Verteidigungspolitik (1)

In der Verteidigungspolitik setzt Großbritannien auf die Nato. Als EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im März für den Aufbau einer europäischen Armee warb, kam das „No“ aus London postwendend. „Verteidigung ist eine nationale, keine EU-Angelegenheit“, sagte ein Regierungssprecher.

Verteidigungspolitik (2)

Obgleich Großbritannien Ende der 1990er Jahre den Widerstand gegen die Gründung der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) aufgab, wacht es darüber, dass die Europäer hier nicht zu weit gehen. So hat London verhindert, dass es ein Militärhauptquartier in Brüssel gibt. EU-Einsätze wie etwa in Mali werden deshalb dezentral aus den Mitgliedstaaten geleitet.

Fiskalpakt

Auch in der Euro-Krise ist die an ihrer Pfund-Währung festhaltende britische Insel ein gutes Stück weiter von der Kern-EU weggedriftet. Mit Sorge wurden in London die mühseligen Arbeiten zur Euro-Rettung beobachtet, zudem fürchtete die britische Regierung Folgen für den Finanzstandort London durch strengere Banken-Regulierung oder eine Finanztransaktionssteuer. Für Empörung in der EU sorgte, dass sich Großbritannien dem Fiskalpakt für mehr Haushaltsdisziplin nicht anschloss.

Diese Story war damals gut für meine Reputation als Journalist. Im Ausland hat sie mir Tür und Tor geöffnet. Sie hat „meine“ Zeitung, das Handelsblatt, überhaupt erst schlagartig weltweit bekannt gemacht. Sprach die angelsächsische Presse bis dahin vom Handelsblatt als „einer“ deutschen Zeitung, so wurde daraus danach „Deutschlands führendes Wirtschaftsblatt“.

Ich wärme die Geschichte vor allem wieder auf, weil sie gut in mein Lieblingsthema passt. Einmal als ein Beispiel dafür, wie Engländer sich selbst immer wieder gerne sehr hoch einschätzen, aber am Ende nicht liefern können. Und sie zeigt zum anderen durch die brutalen und ungerechtfertigten Beschimpfungen Schlesingers durch Presse und Politiker die Grenzen der Fairness auf, die Engländer, zumindest die englische Presse, sich selbst gerne als Nationaleigenschaft zuschreiben.

Werner Benkhoff war zwölf Jahre als Korrespondent für das Handelsblatt in London.

Benkhoff in London

Werner Benkhoff war zwölf Jahre als Korrespondent für das Handelsblatt in London.

Und das ist die Geschichte, „wie Schatzkanzler Lamont die Schlacht um Sterling verlor“ (Financial Times). Der „Tag, an dem das Pfund starb“ (Sunday Times) ist als „schwarzer Mittwoch“ in die britische Geschichte eingegangen. Und das Handelsblatt leistete dabei Sterbehilfe.

Als sich das Drama Anfang September 1992 entfaltete, war das britische Pfund bereits zwei Jahre Mitglied im europäischen Festkurssystem EWS, in dem sich die Währungen im Vorlauf auf den Euro durch Stabilität bewähren sollten. Zwar hatte die Regierung in London nicht vor, den Euro zu übernehmen, aber das Pfund Sterling sollte als starke Valuta gleichberechtigt neben dem Euro bestehen bleiben. Es wurde, wie sich später herausstellte, zu einem ambitioniert überhöhten Kurs eingebracht.

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