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06.05.2016

10:44 Uhr

Mein Handelsblatt (3)

Erhard und der Geistesblitz von Oberkassel

VonHans-Georg Otto

Eine Geschichte aus der großen alten Zeit des Handelsblatts: Wie Ludwig Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“ wirklich zu seinem Titel kam und welche Rolle ein deutscher Wirtschaftsjournalist dabei spielte.

Der CDU-Politiker gilt gemeinhin als „Vater des Wirtschaftswunders“. dpa

Ludwig Erhard

Der CDU-Politiker gilt gemeinhin als „Vater des Wirtschaftswunders“.

BerlinEigentlich begann es 1947. Dr. Wolfram Langer, Nationalökonom und Jurist, knapp über 30 Jahre alt, ehemaliger Offizier, aus Kriegsgefangenschaft entlassen, arbeitete als Preis-Referent im Bizonen-Verwaltungsamt für Wirtschaft in Minden.

Dort war er alles andere als glücklich; ein guter, einflussreicher Bekannter gab daraufhin dem damaligen Chefredakteur und späteren Verleger des Handelsblatts, Dr. Friedrich Vogel, einen Tipp: Da ist ein guter Mann, es würde für ihre Zeitung passen. Vogel kam bald von Düsseldorf zu Langers angereist, die in einem möblierten Zimmer mit Küchenbenutzung wohnten. Man wurde sich einig. Von nun an firmierte Dr. Wolfram Langer als Berichterstatter des Handelsblatts aus Frankfurt.

16. Mai 1956: Die ersten zehn Jahre des Handelsblatt

Begehrt

Acht Seiten Wirtschaftszeitung können ganz schön wichtig sein. Vor allem, wenn es einem Mangel abzuhelfen gilt, der in stillen Momenten nur schwer zu ertragen ist: dem Mangel an Toilettenpapier. Der ist 1946 allgegenwärtig - und er führt zu sanitär motiviertem Raub von allerlei Druckerzeugnissen.

Vertrieb

Damit in den Anfangsjahren die 10.000 frisch gedruckten Exemplare ihren Weg zum Leser ohne Schwund antreten können, setzt sich der Chef selbst ans Steuer seines Opels, „und wenn der mal wieder streikte, stand auch noch ein Pferd bereit, um die Zeitungen zum Düsseldorfer Hauptbahnhof zu bringen“.

Erscheinungsrythmus

Anfangs jeden Donnerstag. Erst seit 1959 erscheint das Handelsblatt börsentäglich.

Erster Lizenznehmer

Wie nervös die Besatzungsmacht die ersten Übungen der von den Nationalsozialisten befreiten Deutschen in Pressefreiheit beäugt, erlebt der erste Lizenznehmer Herbert Gross. Schon nach wenigen Monaten wird sein Name auf der Lizenz mit großen „X“ gelöscht. Wirtschaftsspionage, langjährige Mitarbeit beim Nazi-Blatt „Das Reich“ - und wohl auch seine Kritik an den Demontagen - wirft man ihm vor.

Zweiter Lizenznehmer

Es kommt der Mann mit dem alten Opel: Friedrich Vogel, geboren 1902, Doktor der Nationalökonomie. Bei den „Düsseldorfer Nachrichten“ hat Vogel fast 20 Jahre die Wirtschaftsberichterstattung geprägt, als er Mitte 1946 zunächst Chefredakteur und 1947 auch Herausgeber des Handelsblatts wird.

Titel

Der Titel lehnt sich an den Begriff „Handelsteil“ an: So überschrieben viele Blätter der Weimarer Republik ihre Wirtschaftsseiten.

Redaktion

Die Redaktion bestand aus sieben Journalisten, es gab einen Finanzchef, und zwei kümmerten sich um den Vertrieb.

Chefredaktion

Friedrich Vogel ist einer der wortmächtigsten Wirtschaftsjournalisten seiner Zeit. Er führt seine Redaktion auch wie ein Patriarch seiner Zeit - zuweilen gutmütig zwar, wenn er etwa zur Weihnachtszeit persönlich den Nikolaus gibt, aber auch ein äußerst knauseriger.

Bedeutung

Auch wenn die Auflage zunächst kaum 25.000 erreicht: Publizistisch macht sich das Handelsblatt in den 50er-Jahren unentbehrlich – vor allem wegen seiner Nähe zu Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.

Das Blatt und der Minister

Handelsblatt-Redakteur Wolfram Langer schreibt maßgeblich an Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“ mit und wechselt 1958 als Staatssekretär in dessen Ministerium.

Ein Reim auf Erhard

Beim ersten Bundespresseball 1951 reimen die HB-Redakteure den selbstbewussten Text für eine Anzeige im Almanach: „Was Erhard still am Busen hegt, wo Vater Staat die Hand drauflegt, das kannst du schon - dazu auf Spesen - im Handelsblatt von gestern lesen.“

Nur wenig später, am 21. April 1948, wird der junge Journalist Ohrenzeuge der ersten Rede, die Ludwig Erhard vor der 14. Vollversammlung des Vereinigten Wirtschaftsrates hält. Von den Gedankengängen, den wirtschaftspolitischen Zielsetzungen enthusiasmiert, spricht Langer Professor Erhard in der Wandelhalle an.

Offenbar verstand man sich auf Anhieb, denn beide Männer gingen, ohne einen Moment zu zögern, in das gegenüberliegende Wirtshaus Weihenstephan, um das Gespräch bei einigen Gläsern Dünnbier fortzusetzen. Und schon bald darauf meldet sich Erhard bei Langer. Er bestellt ihn in sein Büro in der McNaire-Kaserne in Hoechst. Also besteigt Langer das alte Fahrrad, das sein Vater aus Breslau gerettet hatte, um die 20 Kilometer zu bewältigen. Korrespondentenalltag im Nachkriegsdeutschland.

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